NS-Diagnose „Intersexualität“ – wichtige Anregung auf Zwischengeschlecht.org

Zwischengeschlecht.org hat sehr wichtig und richtig darauf hingewiesen, dass bezüglich der Behandlung von intergeschlechtlichen Menschen in der Nazi-Zeit bisher nicht geforscht wurde (Beitrag hier). Aus dem Blick blieb dabei auch, wie Mediziner und Medizinerinnen, die in der Nazi-Zeit Karriere gemacht hatten, diese oft nach 1945 fortsetzen konnten – selbst dann wenn sie direkt in Menschenversuche in Konzentrationslagern verstrickt waren oder in ihren Forschungen direkt von solchen Menschenversuchen profitierten. Zwischengeschlecht.org liefert dankenswerter Weise erste gute Ansätze – gerade auch Namen, auf die ein weiterer Blick lohnt, um tatsächlich den Anteil von ganz konkreten Medizinern und Medizinerinnen an Menschenversuchen in den Blick bekommen und die Biographien aufarbeiten zu können. Auch nach 1945 nahmen einige Medizinerinnen und Mediziner nicht nur schwere Komplikationen bei Geschlechtszuweisungen in Kauf, sondern auch häufige Todesfälle – direkt aufgrund von Infektionen und weiteren Komplikationen der Eingriffe oder solche durch Suizid, weil Menschen die Behandlungen nicht ertrugen. Wissenschaftliche Aufarbeitungen sind dringend nötig – vielen Dank Zwischengeschlecht.org und weitere Beteiligte für die ersten Recherchen!

(Das vielfach NS-Karrieren weitergingen und wie auch Menschenversuche stattfanden, lässt sich auch bzgl. Homosexualität zeigen: Hier wurden bspw. in der BRD der 1960er und 70er Jahre so genannte „stereotaktische Gehirnoperationen“ durchgeführt (vgl. dazu im Buch „Biologie & Homosexualität“) – auch hier stehen die Aufarbeitungen weitgehend noch aus, gibt es bspw. zu dem Göttinger Protagonisten Fritz Roeder noch keine Biographie.)

In diesem Sinne: Wer ein Thema für eine Diplom- oder Doktorarbeit sucht: Hier ist es dringend. Zumindest rückblickend könnte so eine Entnazifizierung von Wissenschaft betrieben werden.

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2 Antworten auf “NS-Diagnose „Intersexualität“ – wichtige Anregung auf Zwischengeschlecht.org”


  1. 1 Markus Bauer 24. Mai 2013 um 16:48 Uhr

    Danke für den solidarischen Post!

    Die Beteiligung der genannten Mediziner sind ja alle durch Quellen belegt.

    Inzwischen dokumentieren wir eine weitere Publikation u.a. von Naujoks, die aufzeigt, wie Intersex-Genitalamputationen an der Jahresversammlung 1933 der „Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie“ (die heutige DGGG) gehandelt wurden als „geradezu prädestiniert für quantitative Bestimmungen der sog. „weiblichen“ und „männlichen“ Sexualhormone“:

    http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2013/05/24/Gynaekologie-1933-Intersex-Genitalamputation-geradezu-pradestiniert-Sexualhormone

  2. 2 Shawna W. Mejia 27. Mai 2013 um 17:42 Uhr

    Sowohl vor dem Menschenrechtsrat wie am Side-Event hielt der Sonderberichterstatter über Folter diese Kritik ausdrücklich aufrecht. Gemäß der UN-Definition von Folter oder unmenschlicher Behandlung sei es keine Voraussetzung, dass kriminelle Absichten vorlägen, Nachlässigkeit sei dazu ausreichend. Sogar wenn der ursprüngliche Behandlungszweck gute Absichten verfolge, komme es letztlich auf die konkreten Auswirkungen an. Informierte Zustimmung durch die direkt Betroffenen sei zentral.

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