„Gott“ und Geschlecht – Diskussionen beim Evangelischen Kirchtag in Hamburg

Bei der gestrigen Veranstaltung „Wie wird Geschlecht geprägt?“ – sie war sehr gut besucht, ca. 500 bis 600 Interessierte füllten den Saal – ging es um queer-feministische Perspektiven auf Geschlecht. Es diskutierten Muriel Aichberger, Antje Schrupp und ich (Marie Tomicic musste leider absagen); Moderation: Dieter Rothardt. Deutlich wurde, dass Geschlecht individuell und vielfältig ist und sich nicht binär darstellen lässt. Dazu ist auch ein guter Beitrag in der Zeitung des Kirchentages erschienen. Lediglich eine kleine Quellenangabe ist im Beitrag nicht korrekt angemerkt: Die theologische Perspektive zitierte ich aus der sehr guten Diplomarbeit von Conrad Krannich „Intersexualität als theologische Herausforderung“ (Halle-Wittenberg, 2013). Konkret habe ich vorgelesen:

„Die biologisch-medizinische Perspektive auf Geschlechtlichkeit verweist darauf, dass sich Geschlecht vielmehr als Kontinuum mit graduellen Unterschieden darstellt denn als dichotom-binär mit möglichen Zwischentönen. Der gewöhnliche kategorial-begriffliche Rahmen zur Beurteilung von geschlechtlicher Eindeutigkeit und Nichteindeutigkeit versagt, zeigt sich Geschlecht doch als mehrdeutig, und zwar nicht nur im Sinne sexueller Orientierung oder geschlechtlich interpretierter sozialer Rolle, sondern schon als biologisches Geschlecht. […] Theologisch wurde Geschlecht und die faktische geschlechtliche Nichteindeutigkeit mithilfe des Leibbegriffs umrissen: Die geschlechtliche Vieldeutigkeit und Nichteindeutigkeit muss theologisch genauer bestimmt werden als Aspekt des Leibes, der als Ganzer letztlich unerschlossen, unverständlich und unverfügbar bleibt. Geschlecht als soziale Kategorie wurde unter Zuhilfenahme des Lehrstücks von der Schöpfungsordnung thematisiert: In dieser Perspektive erscheint Geschlecht nicht nur als präskriptiver Begriff (im Sinne einer Kongruenzforderung von Geschlechtsrolle, Sexualität und biologischem Geschlecht) unhaltbar; schon als deskriptiver Begriff ist Geschlecht theologisch nur schwer plausibilisierbar. Gott schuf sie nicht nur als Mann und Frau. Und ihre Erschaffung gipfelt nicht in ihrer Geschlechtlichkeit. Gott schuf sie für sich und füreinander – das ist die [] eigentliche Pointe der Schöpfungsberichte und die zentrale christliche Aussage über den Menschen als relationalem Wesen. Die Engführung von personaler Identität auf reproduktive Fähigkeiten und ein damit gefordertes Festhalten an Geschlechterkategorien als theologischen Fixpunkten kann biblisch und systematisch-theologisch nicht begründet werden.“ (Krannich 2013: 49f)

Ich hoffe, dass die gründliche Untersuchung Krannichs auch in den Kirchen Debatten anstößt, damit auch sie sich endlich deutlich gegen die geschlechtszuweisenden Eingriffe bei intergeschlechtlichen Kindern (Intersexualität) aussprechen. Die Veranstaltung(en) beim Evangelischen Kirchentag in Hamburg haben hier einige Debatten gut befeuert – und stießen und stoßen auf großes Interesse.

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • Add to favorites
  • MisterWong