Wichtiger Antrag der SPD zu Intergeschlechtlichkeit (Intersexualität) – wichtige Korrektur im Vergleich zu den Anträgen der anderen Oppositionsparteien

Nach den Fraktionen Die.Linke und Bündnis 90 / Die Grünen hat nun auch die SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag einen wichtigen Antrag für intergeschlechtliche Menschen vorgelegt. Alle drei Anträge sind nahezu gleichlautend, die SPD nimmt aber eine unscheinbare aber wichtige Korrektur vor. So schreibt sie an zentraler Stelle: „Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung daher dazu auf, sicherzustellen, dass geschlechtszuweisende und -anpassende Operationen an minderjährigen intersexuellen Menschen vor deren Einwilligungsfähigkeit verboten werden.“ Hingegen hatten die beiden anderen Parteien noch geschrieben „…Einwilligungsfähigkeit grundsätzlich verboten werden“ und damit durch das „grundsätzlich“ die Tür für geschlechtszuweisende Eingriffe weiter offen gelassen. Aber in allen drei Anträgen – so gut sie in vielen Forderungen und so richtig sie in der Tendenz sind – bleibt die Medizin weiterhin zentrale Instanz. Unentwegt sollen Mediziner_innen gefragt werden und sollen sie entscheiden. Hingegen fordern die Selbstorganisationen intergeschlechtlicher Menschen neben dem Verbot der geschlechtszuweisenden Eingriffe auch das Ende der Entscheidungshoheit der Medizin. Intergeschlechtlichkeit soll selbstverständlicher Bestandteil von Gesellschaft werden. Und es gilt die Eigeninteressen des medizinischen Systems im Blick zu haben: Es geht um Macht, Definitionsmacht und um Geld – wie im Jahr 2000 Michel Reiter klar benannte.

Mit den Anträgen wird es aktuell möglich das Verbot der geschlechtszuweisenden Eingriffe bei intergeschlechtlichen Minderjährigen durchzusetzen und Opfer der Behandlungen zu entschädigen. Es wird auch möglich, zumindest punktuell Mediziner_innen für Eingriffe juristisch zur Verantwortung zu ziehen, wenn sie wider besseres Wissen Patient_innen schädigenden Eingriffen unterzogen haben – die Outcome-Studien zu den desaströsen Folgen der geschlechtszuweisenden Eingriffe und den häufigen schweren Komplikationen liegen schließlich nicht erst seit heute klar vor (vgl. Voß: Intersexualität – Intersex: Eine Intervention. Münster 2012: Unrast).

Aber: Weiteres Streiten ist notwendig, damit nicht 1) Medizin zentral bleibt und damit nicht 2) das Verbot von medizinischen Eingriffen bei intergeschlechtlichen Minderjährigen aufgeweicht oder eingeengt wird.

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2 Antworten auf “Wichtiger Antrag der SPD zu Intergeschlechtlichkeit (Intersexualität) – wichtige Korrektur im Vergleich zu den Anträgen der anderen Oppositionsparteien”


  1. 1 Markus Bauer 30. April 2013 um 13:34 Uhr

    Danke für deinen solidarischen Kommentar, hab ihn inzwischen nachgetragen und verlinkt:
    http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2013/04/25/Rechte-intersexueller-Menschen-starken-Bundestags-Antrag-SPD

    Zentral ist im notwendigen weiteren Streiten auch, dass endlich ALLE Formen von medizinisch nicht notwendigen, kosmetischen Genitaloperationen an Kindern mit „atypischen“ körperlichen Geschlechtsmerkmalen angemessen in die Diskussion mit einbezogen werden, insbesondere auch „Hypospadie-Korrekturen“, statt dass stets nur ein kleiner Ausschnitt der weniger häufigen Eingriffe anhand der MedizynerInnen- und Gender-Definition von „Intergeschlechtlichkeit“ bzw. unzulässig verengende „Bauchnabel-Definitionen“ einzelner Betroffenen-Gruppen (vgl. z.B. IMeV-Schattenberichte, wo’s praktisch immer nur um Kastrationen an „XY-Frauen“ geht, während alle anderen Betroffenen und insbesondere „vermännlichende Genitakorrekturen“ meist aussen vor bleiben).

    Wegweisende erste Schritte sind hierzu unverändert die bekannten Stellungnahmen der schweizer Nationalen Ethikkommission (NEK-CNE), die klar von „nicht medizinischen, sondern psychosozialen Indikationen“ und damit kulturell bedingten OPs spricht, und diejenige des UN-Sonderbeauftragten über Folter, der ebenfalls ausdrücklich alle „Kinder, die mit atypischen körperlichen Geschlechtsmerkmalen auf die Welt kommen“ anspricht.

  2. 2 Virginia Hodge 01. Mai 2013 um 18:35 Uhr

    Viele intersexuelle Menschen haben, die falsche Entscheidung Anderer über Ihr Geschlecht schon mit Ihrem Leben bezahlt. Dies ist eine Tatsache und keine Drohung und wir wollen Ihnen als Eltern damit auch keine Angst machen. Suizid ( Selbstmord) ist einfach die Realität und lebensbegleitender Umstand zwangszugewiesener intersexueller Menschen, die einfach nur Opfer einer zugegebenermaßen potenten Gruppe von Medizinern geworden sind, die sicherlich bei Ihrem Tun nur das Wohl im Auge haben. Aber wie bereits angedeutet, betrifft dies mit Sicherheit nicht alle Mediziner, genauso wie man nicht alle Mediziner des Abrechnungsbetruges beschuldigen kann, nur weil einige wenige nicht zwischen „Mein und Dein“ unterscheiden können. Es gibt überall schwarze Schafe dort und auch bei uns, leider! Ich denke die Welt könnte viel menschenfreundlicher sein, wenn manche Zeitgenossen ihre Mitmenschen nicht nur unter dem Aspekt der Nützlichkeit für die eigene Geldbörse betrachten würden.

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