Archiv für April 2013

Wichtiger Antrag der SPD zu Intergeschlechtlichkeit (Intersexualität) – wichtige Korrektur im Vergleich zu den Anträgen der anderen Oppositionsparteien

Nach den Fraktionen Die.Linke und Bündnis 90 / Die Grünen hat nun auch die SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag einen wichtigen Antrag für intergeschlechtliche Menschen vorgelegt. Alle drei Anträge sind nahezu gleichlautend, die SPD nimmt aber eine unscheinbare aber wichtige Korrektur vor. So schreibt sie an zentraler Stelle: „Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung daher dazu auf, sicherzustellen, dass geschlechtszuweisende und -anpassende Operationen an minderjährigen intersexuellen Menschen vor deren Einwilligungsfähigkeit verboten werden.“ Hingegen hatten die beiden anderen Parteien noch geschrieben „…Einwilligungsfähigkeit grundsätzlich verboten werden“ und damit durch das „grundsätzlich“ die Tür für geschlechtszuweisende Eingriffe weiter offen gelassen. Aber in allen drei Anträgen – so gut sie in vielen Forderungen und so richtig sie in der Tendenz sind – bleibt die Medizin weiterhin zentrale Instanz. Unentwegt sollen Mediziner_innen gefragt werden und sollen sie entscheiden. Hingegen fordern die Selbstorganisationen intergeschlechtlicher Menschen neben dem Verbot der geschlechtszuweisenden Eingriffe auch das Ende der Entscheidungshoheit der Medizin. Intergeschlechtlichkeit soll selbstverständlicher Bestandteil von Gesellschaft werden. Und es gilt die Eigeninteressen des medizinischen Systems im Blick zu haben: Es geht um Macht, Definitionsmacht und um Geld – wie im Jahr 2000 Michel Reiter klar benannte.

Mit den Anträgen wird es aktuell möglich das Verbot der geschlechtszuweisenden Eingriffe bei intergeschlechtlichen Minderjährigen durchzusetzen und Opfer der Behandlungen zu entschädigen. Es wird auch möglich, zumindest punktuell Mediziner_innen für Eingriffe juristisch zur Verantwortung zu ziehen, wenn sie wider besseres Wissen Patient_innen schädigenden Eingriffen unterzogen haben – die Outcome-Studien zu den desaströsen Folgen der geschlechtszuweisenden Eingriffe und den häufigen schweren Komplikationen liegen schließlich nicht erst seit heute klar vor (vgl. Voß: Intersexualität – Intersex: Eine Intervention. Münster 2012: Unrast).

Aber: Weiteres Streiten ist notwendig, damit nicht 1) Medizin zentral bleibt und damit nicht 2) das Verbot von medizinischen Eingriffen bei intergeschlechtlichen Minderjährigen aufgeweicht oder eingeengt wird.

Vorträge im Mai 2013: Herstellung biologischen Geschlechts / Intergeschlechtlichkeit / Biologie und Homosexualität / Interventionen gegen Beschneidungsdebatte / Queere Kapitalismuskritik

Im Mai 2013 finden die folgenden Vorträge statt:
(Heinz-Jürgen Voß)

28. April, Leipzig: reality*show – science cafe – offene Gesprächsrunden: An ‚meinem Tisch‘: „Queer_feministische Kapitalismuskritik“. Infos in Kürze hier.

2. Mai, Hamburg, Kirchentag – Zentrum Geschlechtergerechtigkeit: „Geschlecht: Neurobiologische Prägung, soziale Konstruktion?“ Infos unter anderem hier.

7. Mai, 20 Uhr, Hamburg, Männerschwarm Buchladen (Lange Reihe 102): Buchvorstellung „Biologie & Homosexualität: Theorie und Anwendung im gesellschaftlichen Kontext“. Infos hier.

10. Mai, Bonn: Queer*Fem_fest: „Kein Geschlecht oder viele – warum es biologisch “Frau” und “Mann” nicht gibt“. Infos hier.

11. Mai, Berlin: MARX IS MUSS: Podiumsdiskussion „Die Beschneidungsdebatte und ihre Konsequenzen“ – ich vertrete die Autoren des Buches „Interventionen gegen die deutsche „Beschneidungsdebatte“". Infos hier.

15. Mai, Dresden: TU Dresden, SchLaU: „Biologie & Homosexualität“ – Buchvorstellung, Input, Diskussion. Infos hier.

22. Mai, Darmstadt: AStA-Referat für politische Bildung der Evangelischen Hochschule Darmstadt: „Making Sex“ – auch biologisches Geschlecht ist gesellschaftlich gemacht. Infos folgen.

23. Mai, Fulda: Hochschule: „Biologie & Homosexualität“ – Buchvorstellung, Input, Diskussion. Infos folgen.

24. – 26. Mai, Schwarzwald: Action, Mond & Sterne-Camp: 1) „Making Sex: Auch biologisches Geschlecht ist gesellschaftlich gemacht“ / 2) „Queer-Feminismus & Antikapitalismus: Gerechte Gesellschaft machen wir!“ Infos hier.

28. Mai, Ludwigsburg: DemoZ: „Biologie & Homosexualität“ – Buchvorstellung, Input, Diskussion. Infos hier.

30. Mai, Weimar: IDAHO: “Die Auslöschung geschlechtlicher und sexueller Pluralität seit der europäischen Moderne“. Infos hier.

31. Mai / 1. Juni, Regensburg: CSD-Veranstaltungen: 1) „Biologie & Homosexualität“ – Buchvorstellung, Input, Diskussion / 2) Podiumsdiskussion beim Straßenfest. Infos in Kürze hier. (Fällt wegen starkem Regen aus! – Der CSD findet ein oder zwei Wochen später statt)

5. Juni, Saarbrücken: Universität des Saarlandes, im Rahmen der Reihe „Gender überall!? Einführung in die interdisziplinäre Geschlechterforschung“: „Das Ein-Geschlechter-Modell der „modernen“ biologisch-medizinischen Wissenschaften”. Infos hier.

6. Juni, Heidelberg: Campuscamp: „Intersex / Intergeschlechtlichkeit: Nach der (problematischen) Stellungnahme des Deutschen Ethikrates und den weiteren Entwicklungen ist weiteres Streiten erforderlich“. Infos hier.

7. – 9. Juni, Thüringen: e*camp – gegen kapitalismus und sein geschlechterverhältnis: 1) „Intersex / Intergeschlechtlichkeit: Nach der (problematischen) Stellungnahme des Deutschen Ethikrates und den weiteren Entwicklungen ist weiteres Streiten erforderlich“ / 2) „Queer & Kapitalismuskritik: Gerechte Gesellschaft machen wir!“. Infos hier.

Neue Rezensionen: Biologie & Homosexualität / Interventionen gegen die deutsche „Beschneidungsdebatte“ / Geschlecht: Wider die Natürlichkeit

Es sind einige neue Besprechungen der Bücher „Biologie & Homosexualität“, „Interventionen gegen die deutsche „Beschneidungsdebatte“" und „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“ erschienen. Hier kurze Auszüge und Verlinkungen:

In der Münster’schen Zeitschrift für Lesben „Lexplosiv“ wurde das Buch „Biologie & Homosexualität: Theorie und Anwendung im gesellschaftlichen Kontext“ rezensiert. Die Autor_in folgert:
„Das im handlichen Format erschienene Buch beleuchtet auch für Laien verständlich die Hintergründe der verschiedenen Theorien, erklärt die Zusammenhänge und stellt die immer noch starren gesellschaftlichen Geschlechterkategorien zu Recht in Frage. Und wer sich näher mit dem Thema befassen möchte: am Ende des Buches gibt es eine ausführliche Literaturliste.“ Lexplosiv, Nr. 44, S.17;

Eine Übersicht über bisher erschienene Rezensionen findet sich hier.
Weitere Informationen zum Buch gibt es hier.

In Stimme – Zeitschrift der Initiative Minderheiten besprach Petra M. Springer „Interventionen gegen die deutsche „Beschneidungsdebatte“" und schreibt unter anderem:
„Die Autoren weisen darauf hin, dass die Beschneidungsdebatte als Teil des Integrationsdiskurses zu sehen ist. Es werde nicht gleichberechtigt diskutiert und man könne nicht körperliche Selbstbestimmung und Religion einfach gegenüberstellen. Die Diskussion finde in einem gesellschaftlichen Rahmen statt, der von normativen Setzungen und von Herrschaft geprägt ist. Vor allem die westliche, weiße, primär männliche, heteronormative und christlich/protestantische Gesellschaft würde sich aufgrund der Beschneidung von Muslimen und Juden bedroht fühlen. Unter dem Deckmantel der Menschen- und Kinderrechte verberge sich letztendlich anti muslimischer Rassismus und latenter Antisemitismus.“ Petra M. Springer, in: Stimme – Zeitschrift der Initiative Minderheiten, Nr. 86, S.33; zur Zeitschrift.

Eine Übersicht über bisher erschienene Rezensionen findet sich hier.
Infos zum Buch gibt es hier.

Stefan Wallaschek rezensierte auf dem Soziologieblog das Buch „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“. In der Besprechung heißt es unter anderem:
„Damit lässt sich Voß‘ Einführungswerk einerseits in die aktuelle (konstruktivistisch-geprägte) Debatte um die Interdependenz von sex und gender einordnen: Keines von beidem ist vorgelagert, sondern beide Kategorien konstruieren sich gegenseitig und unterliegen zudem einem Bedeutungswandel […]. Andererseits ebnet er mit seiner geschlechtssensitiven Analyse der bio-medizinischen Erkenntnisse den Weg für weitere sozialwissenschaftliche Forschung im Bereich der Foucault’schen Bio- und Genpolitik […]. Hilfreich sind in dem Buch nicht nur die Schaubilder, sondern auch die sogenannten „Exkurse“: hervorgehobene Stellen, die entweder über einige Seiten Ausschnitte aus Originaltexten wiedergeben, biografische Inhalte präsentieren oder tiefergehende Kritik an einflussreichen Studien äußern. Zusammen mit kurzen Weiderholungen der bisherigen Aussagen des Buches am Anfang jedes größeren Kapitels wird damit der Textfluss belebt und die Verständlichkeit, vor allem für Einsteiger_innen, erhöht. Durch die zahlreichen Verweise auf Originalquellen und Schriften aus der Praxis von z. B. queer-feministischen Gruppen lohnt sich das Lesen auch für Fortgeschrittene und regt an, sich mit diesen weiter auseinanderzusetzen und ihr_sein Wissen praktisch anzuwenden.“ Stefan Wallaschek, Soziologieblog, 23.4.2013, hier im Volltext online;

Eine Übersicht über bisher erschienene Rezensionen findet sich hier.
Weitere Informationen zum Buch gibt es hier.

Als „schlecht“ und nicht aussagekräftig evaluiert: Studien der Neurowissenschaften weisen oft zu geringe Stichprobengrößen und ermittelte Effekte auf

Neurobiologische Studien weisen erhebliche methodische Schwächen auf, die die Ergebnisse und Ableitungen als abenteuerlich erscheinen lassen. Zu diesem Ergebnis kommen Forschende der University of Bristol (Großbritannien). Sie führten dazu einen umfassenden Review durch und ermittelten, dass zahlreiche der Studien viel zu kleine Stichproben und nur geringe ermittelte Effekte aufwiesen. Der Beitrag „Power failure: why small sample size undermines the reliability of neuroscience“ (Nature Reviews Neuroscience 14, 365-376 (May 2013) | doi:10.1038/nrn3475) ist über Universitätsbibliotheken oft online frei zugänglich ( Artikel ). Ein kurzer Beitrag zur Studie findet sich auch in der Süddeutschen Zeitung ( hier ). In der SZ heißt es: „[Das Ergebnis der Bristoler Forschungsgruppe] lautet kurzgefasst: Die meisten aktuellen neurowissenschaftlichen Ergebnisse sind unzuverlässig und zeugen von wenig effizienter, eigentlich überflüssiger Forschung. Die Autoren klagen: ‚Schwache statistische Aussagekraft ist ein endemisches Problem in den Neurowissenschaften.‘“

Auf diese Probleme explizit neurowissenschaftlicher Studien zu Geschlecht hatten schon Anne Fausto-Sterling (Myths of Gender; Sexing the Body) und Sigrid Schmitz (Wie kommt Geschlecht ins Gehirn?) hingewiesen. (Vgl. dazu auch „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“ (S.124-127) und „Biologie & Homosexualität: Theorie und Anwendung im gesellschaftlichen Kontext“ (S.40-51) [Heinz-Jürgen Voß])

„double blind“: Zum Ursprung von Wissen im biologisch-medizinischen Bereich

Raum-21.org: Bei Marion Denis’ Arbeit »double blind« handelt es sich um eine künstlerische Untersuchung des Ursprungs von Wissen im biologisch-medizinischen Bereich. Sie wirft einen genauen Blick auf die naturwissenschaftlichen Prozesse, die sich mit dem chromosomalen Geschlecht beschäftigen. Am meisten interessiert Denis dabei die Herstellung von wissenschaftlichen Tatsachen und die Wirkmacht von Normierungen. Mit welcher Methode soll das biologische Geschlecht erkannt und festgelegt werden? Wie und womit nehmen Forschende wahr? Wie produzieren sie ihre Bilder?

Die Arbeit »double blind« besteht aus zwei fotografischen Teilen. Zum einen Schwarzweißfotos, die von der Laborleiterin eines humangenetischen Labors fotografiert wurden. Sie wurde gebeten, die Dinge abzulichten, die wichtig für ihre Arbeit sind. Der andere Teil zeigt von Marion Denis aufgenommene Farbfotos. Diese verfolgen den Prozess einer Chromosomendarstellung im Labor. Den Textteil von »double blind« bildet ein Gespräch zwischen Marion Denis und oben erwähnter Biologin, welches um Erkenntnissuche und Laborerfahrungen kreist.

Das Buch »double blind« wurde 2012 vom Berliner Verlagshaus Revolver Publishing veröffentlicht. Die Texte wurden von Stefanie Kreuzer und Heinz-Jürgen Voß verfasst.

Ausführlich bei Raum-21.
Informationen zum Buch.
Homepage von Marion Denis.

Vorträge im April: Herstellung biologischen Geschlechts / Queere Kapitalismuskritik / „Biologie & Homosexualität“

Im April 2013 finden die folgenden Vorträge statt…
Die Vorträge im Mai finden sich hier.

(Heinz-Jürgen Voß)

7. April, Kempten: Initiativgruppe Offener Raum: „Making Sex – Auch biologisches Geschlecht ist gemacht“ Infos unter anderem hier.

7. April, Kempten: Initiativgruppe Offener Raum: „Queer und Antikapitalismus – Gerechte Gesellschaft machen wir!“ Infos unter anderem hier.

10. April, Bielefeld, Asta der FH Bielefeld: „‚Homosexualität‘ und Biologie“ Infos hier.

15. April, Ilmenau, TU Ilmenau (Aktionswoche für einen diskriminierungsfreien Campus gegen Sexismus und Homophobie): „Was ist Geschlecht – Biologie oder Erziehung?“ Infos hier.

17. April, Frankfurt/Main, Frankfurter SchWule – Autonomes Schwulenreferat der Universität: „Queerfeministische Kapitalismuskritik!“ Infos in Kürze hier.

18. April., Dresden, Offenes Antifa Treffen: Buchvorstellung „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“. Infos hier.

28. April, Leipzig: reality*show – science cafe – offene Gesprächsrunden: An ‚meinem Tisch‘: „Queer_feministische Kapitalismuskritik“. Infos in Kürze hier.

2. Mai, Hamburg, Kirchentag – Zentrum Geschlechtergerechtigkeit: „Geschlecht: Neurobiologische Prägung, soziale Konstruktion?“ Infos unter anderem hier.

7. Mai, 20 Uhr, Hamburg, Männerschwarm Buchladen (Lange Reihe 102): Buchvorstellung „Biologie & Homosexualität: Theorie und Anwendung im gesellschaftlichen Kontext“. Infos hier.