Archiv für Januar 2013

Ulla Jelpke (Die Linke): Personenstandsrecht im Sinne trans- und intersexueller Menschen umfassend reformieren

Bei einer aktuellen Rede im Deutschen Bundestag hat die Abgeordnete Ulla Jelpke (Die Linke) die Abgeordneten aller Fraktionen und die Bundesregierung noch einmal eindringlich darauf hingewiesen, dass es notwendig ist die Rechte sowohl Intersexueller als auch Transsexueller zu stärken. Ist die rede auch dem Anlass entsprechend notwendig kurz gehalten – und mangelt es so auch an begrifflicher Differenzierung – so schließt Jelpke mit dieser Rede an das andauernde Engagement an, das ihre Fraktion in Bezug auf freie Entfaltung der Geschlechtsidentität, gegen die traumatisierenden geschlechtszuweisenden Eingriffe, die sich gegen intergeschlechtliche Menschen richten und für freie Gestaltung der sozialen Beziehungen zwischen Menschen (erinnert sei hier an das „Wahlverwandtschaftsmodell“) eintritt. Eine Auflistung der Initiativen der letzten Jahre zu Intersexualität / Intergeschlechtlichkeit findet sich hier – bereits in den 1990er Jahren stellte die Fraktion Anfragen zur Situation intergeschlechtlicher Menschen, die allerdings von der Bundesregierung stets sehr zurückhaltend beantwortet wurden.

Persson Perry Baumgartinger zum Buch „Intersexualität – Intersex: Eine Intervention“: „Eine verständlich geschriebene Einführung in ein Thema, das alle angeht.“

In der sehr schönen Zeitschrift „Stimme von und für Minderheiten“ – alle Ausgaben sind auch als pdf-Dokumente zugänglich! (vgl. unten) – hat Persson Perry Baumgartinger das Buch „Intersexualität – Intersex: Eine Intervention“ rezensiert. Baumgartinger schreibt unter anderem:

„Das Buch bietet einen kritischen Blick auf Intersex als machtvolle Konstruktion mit gewaltvollen Konsequenzen für Menschen und zeigt die zentrale Rolle von Medizin, Staat und christlicher Kirche in diesem Machtgefüge. Voß beschreibt, wie Geschlecht im Laufe der Geschichte konstruiert wird und was das mit Intersex als Zwangsdiagnose, einem medizinischen Apparat als „Versuchslabor“ und Menschenrechtsverletzungen an Intersex-Personen zu tun hat.“ Es handelt sich um „[e]ine verständlich geschriebene Einführung in ein Thema, das alle angeht.“ (Stimme von und für Minderheiten, Nr. 85, S.33)

Eine Übersicht über die bisher erschienenen Rezensionen findet sich hier.

Hier die Titel der Hefte. Die Hefte sind auch als pdf-Dateien frei zugänglich auf der Homepage der Zeitschrift: Stimme von und für Minderheiten
. Die Zeitschrift kann aber auch abonniert werden!

Hefte:
Nr. 84: Roma Inklusion
Nr. 83: Austria, give me some noise
Nr. 82: Sprache
Nr. 81: Jüdisches (Über-)Leben
Nr. 80 Nichts über uns – ohne uns!
Nr. 79: 20 Jahre Stimme
Nr. 78: Warum die Türken?
Nr. 77: Queere Identitäten (mehr…)

Neue Rezensionen von: Interventionen gegen die deutsche „Beschneidungsdebatte“

Koray Yılmaz-Günay hat Interventionen gegen die deutsche „Beschneidungsdebatte“ auf der Online-Rezensionsplattform „Kritisch lesen“ besprochen. In der Besprechung heißt es unter anderem:

„Dem Wesen einer „Intervention“ entsprechend kommt das Buch erst nach einem ganz wesentlichen Teil der Debatte. Es ist aber sicher kein Buch, das „zu spät“ kommt. Denn in der Tat ist die „Beschneidungsdebatte“ weder ohne ihre Vorgeschichte und ihre Kontexte zu verstehen – noch wird sie der Schlusspunkt einer Auseinandersetzung um die Anerkennung der multiethnischen und multireligiösen Zusammensetzung der bundesrepublikanischen Gesellschaft sein. Es gibt keinen Anlass, die Regelung im Bürgerlichen Gesetzbuch für das Ende dieser Debatte zu halten. Die immer neue Auseinandersetzung um Geschlecht und Sexualität bei „Muslim_innen“ (Kopftuch, Hypermaskulinität, Homophobie, Zwangsverheiratungen, „Ehrenmorde“ et cetera) wie auch das immer weitere Aufweichen des anti-antisemitischen Grund-Konsenses der BRD stehen in einem Zusammenhang mit Debatten um die Neudefinition der deutschen Nation, die seit dem Ende der West-Ost-Konfrontation stattfinden. Ohne die „Sarrazin-Debatte“, die einer breiten Schicht gezeigt hat, wie viele Dämme schon gebrochen sind und was alles (wieder) denk- und sagbar ist, wäre das Gespräch um den kleinen Unterschied nie entstanden oder aber anders geführt worden. Die Erkundungstruppen dessen, wer unter welchen Umständen und in welchem Umfang zum neuen deutschen „Wir“ gehören darf – so viel lässt sich über den Zwischenstand sicher sagen –, kommen immer ungehaltener daher.
Demgegenüber sind die hegemoniekritischen Beiträge in diesem Band nicht geschichtsvergessen. Sie sind nicht blind gegenüber aktuellen Ausprägungen von Rassismus und Antisemitismus. Sie sind patriarchatskritisch und in vielerlei Hinsicht (aus-)wegweisend in einem Umfeld, das zunehmend die Rede über etwas mit dem Etwas selbst verwechselt.“
zur vollen Rezension

Eine weitere Besprechung verfasste Ralf Buchterkirchen für Freitag.de und Verqueert.de. Darin würdigt er das Buch und schreibt unter anderem: „Das Buch wirft einen spannenden Blick auf eine emotional aufgeheizte und nicht selten rasstisch verlaufende Debatte […] Egal wie man in der Debatte steht, bietet der Band wichtige – und zudem wissenschaftlich fundierte! – Anregungen zum Weiterdenken. Er bietet zugleich die unabdingbare Grundlage, auf der man überhaupt nachdenken kann, wie emanzipatorische Religionskritik aussehen kann.“ Zur vollen Rezension bei Verqueert.de / bei Freitag.de.

Eine Übersicht über die bisher erschienenen Rezensionen zum Buch findet sich hier.

Vorträge im Januar 2013: Intersexualität/Intergeschlechtlichkeit – Queer und Antikapitalismus – Beschneidungsdebatte

Für Januar und Februar stehen die folgenden Vorträge an. (Ich bitte um Entschludigung, dass ich Vortragsanfragen für den Zeitraum bis Ende März derzeit in der Regel ablehne – es liegt an terminlichen Gründen für ein größeres Projekt, das aber sicherlich einige dann sehr interessieren wird ;-) )

9. Januar, Landshut: Hochschule Landshut: „Die Auslöschung geschlechtlicher und sexueller Ambiguität seit der europäischen Moderne“; Infos.

16. Januar, Hannover: Universität Hannover, Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie: „Der deutsche Diskurs um die Vorhautbeschneidung“; Infos: Jour fixe im Januar
, 16. Januar 2013, 18h (Im Moore 21, Raum 210); Der deutsche Diskurs um die Vorhautbeschneidung: Der Präsident der Bundesärztekammer Montgomery beurteilte das Urteil des Kölner Landgerichts als „für die Ärzte unbefriedigend und für die betroffenen Kinder sogar gefährlich“. Die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie warnte vor den Auswirkungen, die mit der „Missachtung [von] kulturellen und religiösen Identität[en]“ verbunden sein könnten, und regte zu einer toleranten gesellschaftlichen Aushandlung an. Heinz-Jürgen Voß stellt das Buch „Interventionen gegen die deutsche ‚Beschneidungsdebatte‘“ vor, erläutert den medizinischen Forschungsstand und betrachtet den deutschen Diskurs, der rassistisch geprägt war. Horkheimer/Adorno: „Das Wunder der Integration aber, der permanente Gnadenakt des Verfügenden, den Widerstandslosen aufzunehmen, der seine Renitenz hinunterwürgt, meint den Faschismus.“

Dr. Heinz-Jürgen Voß forscht und lehrt zu biologie- und medizinethischen Themen. Zuletzt veröffentlicht: Geschlecht (2011); Intersexualität – Intersex (2012); Interventionen gegen die deutsche “Beschneidungsdebatte” (2012, gem. mit Salih Alexander Wolter und Zülfukar Çetin).

24. Januar, Wien: das.queer: „Queer & Antikapitalismus. Gerechte Gesellschaft machen wir!“; Infos.

25. Januar, Wien: Universität, Tagung „Körper. Geschlecht. Identität“: „Geschlechternorm – Zweigeschlechtlichkeit“; Infos.

4. Februar (19:00 Uhr), Leipzig: Universität, Referat für Gleichstellung, in Kooperation mit linXXnet e. V.: „Die deutsche Beschneidungsdebatte: Antisemitismus – Rassismus – Atheismus“ (Lesung/Diskussion mit Zülfukar Çetin, Salih Alexander Wolter und Heinz-Jürgen Voß, Raumänderung: Die Veranstaltung findet statt, im Vortragssaal der Bibliotheca Albertina (Beethovenstraße 6, 04107 Leipzig);

zum alternativen Gesetzentwurf zur Vorhautbeschneidung (Drucksache 17/11430) – Materialsammlung

66 Abgeordnete des Deutschen Bundestages hatten im vergangenen Jahr einen alternativen Gesetzentwurf zur Vorhautbeschneidung eingebracht (Drucksache 17/11430), der – hätte er Erfolg gehabt – in letzter Konsequenz jüdisches Leben in der Bundesrepublik Deutschland unmöglich gemacht hätte. Hans Guggenheim hat nach Bekanntwerden des Gesetzentwurfes alle 66 Abgeordneten mit einem offenen Brief angeschrieben. Lediglich von 12 der Abgeordneten erhielt er darauf hin eine Antwort, worauf Guggenheim erwiderte – also auf etwaige Frage von Abgeordneten antwortete bzw. deren Argumentation entgegnete. Freundlicherweise hat Hr. Guggenheim dieses Material zur Verfügung gestellt und zugestimmt, es an dieser Stelle zugänglich zu machen. Ich denke, dass dieses Material gut geeignet ist, um die Debatte zu reflektieren und später wissenschaftlich aufzuarbeiten. Hier ist das Material als pdf-Datei (13,4 MB) – herzlichen Dank dafür!

Vorhautbeschneidung sorgt für geringes Risiko an Harnweginfektionen zu erkranken

„Für eine frühe Zirkumzision ergeben Studien einige positive Effekte, insbesondere in Bezug auf Harnweginfektionen. Die Studien zu Harnweginfektionen […] ergeben durchweg ein deutlich (auch signifikant) geringeres Auftreten dieser Infektionen bei beschnittenen im Vergleich zu unbeschnittenen Jungen. Unbeschnittene Jungen hatten etwa zehnmal so häufig Harnweginfektionen wie beschnittene. So ermittelten Wiswell et al. (1989, USA) aus den Angaben der zwischen 1980 und 1985 in Krankenhäusern der US-Armee geborenen Jungen, dass bei 20 der 100.157 beschnittenen Jungen Harnweginfektionen auftraten; bei den 35.929 unbeschnittenen war das bei 88 der Fall. In einer Folgestudie für die Jahre 1985-1990 (Wiswell et al. 1993, USA) ergab sich ein ähnlich deutlicher Unterschied […]. Schoen et al. (2000, USA) erhielten aus einer Studie mit 14.893 im Jahr 1996 geborenen Jungen 132 aufgetretene Harnweginfekte – davon 86 Prozent bei den unbeschnittenen Jungen, die mit 35,1 Prozent (5.225) den kleineren Teil der Gruppe ausmachten. Damit erkrankten 2,15 Prozent der unbeschnittenen und 0,22 Prozent der beschnittenen Jungen im ersten Lebensjahr an einem Harnweginfekt. Ein Review zur Frage Harnweginfekte und Zirkumzision liegt mit Singh-Grewal et al. (2005, Australien) vor – er bestätigt das höhere Risiko einer Harnweginfektion bei unbeschnittenen Jungen. […] Morris et al. (2012) errechneten, dass auf 50 Zirkumzisionen eine »verhinderte« Harnweginfektion im frühen Kindesalter komme, betrachtet auf die ganze Lebenszeit sei das Verhältnis vier (Zirkumzisionen) zu eins (»verhinderte« Harnweginfektion).“ Ausführlich der Beitrag von Dr. Heinz-Jürgen Voß in: Interventionen gegen die deutsche „Beschneidungsdebatte“ (das angeführte Zitat stammt von S.68)
Das Postulat vermeintlich ‚häufig auftretender Traumatisierungen‘ ist nicht haltbar. Wissenschaftliche Studien konnten diese nicht zeigen. Etwa „Moses et al. (1998, Kanada) konnten bei ihrer Recherche »anekdotische«, jedoch keine wissenschaftlichen Beiträge“ zu Traumatisierungen finden. Auch seriöse spätere Arbeiten kamen zu keinen anderen Ergebnissen. Auch hierzu ausführlich im benannten Buch (das angeführte Zitat stammt von S.74).

Die medizinischen Daten sprechen also für Vorhautbeschneidungen bzw. widersprechen diesen zumindest keineswegs. Der Präsident der Bundesärztekammer Frank Ulrich Montgomery äußerte sich entsprechend klar und kritisierte das Urteil des Kölner Landgerichts. In einer Pressemitteilung vom 1. Juli 2012 schreibt er: »Das Urteil des Kölner Landgerichts ist für die Ärzte unbefriedigend und für die betroffenen Kinder sogar gefährlich […] Es besteht nun die große Gefahr, dass dieser Eingriff von Laien vorgenommen wird und so – allein schon wegen der oft unzureichenden hygienischen Umstände – zu erheblichen Komplikationen führen kann.« (Bundesärztekammer 2012) Ähnlich äußerte sich die Deutsche Gesellschaft für Urologie. Die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie warnte vor den Auswirkungen, die mit der »Missachtung [von] kulturellen und religiösen Identität[en]« verbunden sein könnten, und regte zu toleranter gesellschaftlicher Aushandlung an (DGPT 2012). (vgl. ausführlich ebenda, S.51ff)

Landtagswahl in Niedersachsen: Parteien zu Lesben, Schwulen, Trans*-Personen und Intergeschlechtlichen

Vor der Landtagswahl in Niedersachsen: Was ist von den jewiligen Parteien zu erwarten? Ralf Buchterkirchen hat sie sich insbesondere bzgl. Lesben, Schwulen, Trans*-Personen und Intergeschlechtlichen angesehen – einerseits für die Arbeit der letzten fünf Jahre und was die Wahlprogramme versprechen: http://www.verqueert.de/5-years-niedersachsen-vor-den-wahlen/

„Bist du cut oder uncut?“ – Beitrag zur Vorhautbeschneidungsdebatte bei Queer.de

Weder vom Wohlfühlen her noch aus medizinischer Sicht ergibt sich eine klare Positionierung zur Beschneidung. Gegner ignorieren die antisemitischen und antimuslimischen Auswirkungen der Verbotsdebatte.

„Was magst du lieber: cut oder uncut?“ war eine der beliebten Umfragen in schwulen Medien. Dabei ging es um Empfindung, Spaß am Blasen und am Ficken; es ging um Vorlieben. Mit der „Beschneidungsdebatte“ der letzten Monate kam auf einmal ein ganz neues Gefühl auf: Statt sich einfach etwa zu schnellem unproblematischen Sex verabreden zu können, musste man sich vorsehen nicht unversehens in ein psychologisches Gespräch zu geraten, indem das Un/Cut diskutiert oder gar problematisiert wurde. Also: Therapiesitzung oder Therapiegedanken im Hinterkopf, statt des unverfänglichen Sexes. …

weiter bei: Queer.de
zum Buch: Interventionen gegen die deutsche „Beschneidungsdebatte“