Archiv für November 2012

NEUES BUCH + jetzt im Buchhandel: Interventionen gegen die deutsche «Beschneidungsdebatte»

Buchvorstellung in Berlin: Sonntag, 2. Dezember 2012, 15-17 Uhr in den schönen Räumen von Allmende – Haus alternativer Migrationspolitik und Kultur, Berlin-Kreuzberg, Kottbusser Damm 25/26 (Nähe U-Bahnhof Hermannplatz). Die drei Autoren werden anwesend sein. Moderation: Yasemin Shooman.

Zülfukar Çetin, Heinz-Jürgen Voß, Salih Alexander Wolter:
Interventionen gegen die deutsche «Beschneidungsdebatte»

Edition Assemblage
96 Seiten, 9,80 Euro
ISBN 978-3-942885-42-3
Verlagsinformationen

Erhältlich überall im Buchhandel und beim Verlag.

Kurztext:
Kaum eine Debatte der letzten Jahre wurde in der Intensität geführt, wie die zur Vorhautbeschneidung (Zirkumzision). Interessant ist schon der Debattenverlauf, der nicht mit der Urteilsverkündung des Kölner Landgerichts Anfang Mai 2012 einsetzte, sondern erst sechs Woche später. Dafür gibt es Gründe. Auffallend war die weitgehende Zurückhaltung von Parlamentarier_innen und der medizinischen Fachgesellschaften – im Gegensatz zu anderen gesellschaftlichen Akteur_innen, die eine vehemente Position gegen die Zirkumzision einnahmen. Dieser Band interveniert hier fundiert: Zülfukar Çetin und Salih Alexander Wolter beleuchten den Diskursverlauf und erarbeiten im Anschluss an die »Dialektik der Aufklärung« und Michel Foucaults Gouvernementalitätsstudien, wie selbst die geäußerten »atheistischen« Positionen von einem protestantisch-christlichen Religionsverständnis, von Herrschaft sowie rassistischen – antisemitischen und antimuslimischen – Einstellungen durchwoben sind. Heinz-Jürgen Voß untersucht die medizinischen Studien zur Auswirkung der Vorhautbeschneidung und stellt die Ergebnisse klar vor.

Eine Liste der bisher erschienenen Rezensionen findet sich hier.

Gadd45g-Gen bedeutsam für männliche Geschlechtsentwicklung im Mäuseexperiment?

Nachdem sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder vorgeschlagene Gene, die als „die zentralen Schritte“ der Geschlechtsentwicklung postuliert wurden, später als keineswegs so bedeutsam herausgestellt hatten, geht das gleiche Denken in der genetischen Forschung weiter. Bisher ergaben sich bei allen Genen, die als Kandidatinnen für den so genannten „Hoden-determinierenden Faktor“ „entdeckt“ worden waren, rasch widersprüchliche Ergebnisse. Etwa bezüglich des Sry-Gens zeigte sich rasch, dass sich Hoden auch ausbilden konnten, wenn das Sry-Gen nicht vorhanden war; in anderen Fällen war das Sry-Gen vorhanden und es hatten sich dennoch keine Hoden ausgebildet.

Interessant ist nun an der neuerlichen Studie (Mäuse-Experiment; Mutanten), dass das Sry-Gen einmal mehr kritisch diskutiert wird. Mathias S. Gierl, Wolfram H. Gruhn, Annika von Seggern, Nicole Maltry und Christof Niehrs (Mainz, BRD) beschrieben für das Gadd45g-Gen eine weitreichende Wirkung in der Geschlechtsentwicklung bei Mäusen. Es sei dem Sry-Gen „vorgeschaltet“ – die Forschenden vermuten es also als bedeutsamer bei der Ausbildung von Hoden, als Sry. Interessant dabei ist, dass dieses – nun als wichtig postulierte Gen – gerade regelmäßig nicht auf dem Y-Chromosom anzutreffen ist.

Bei einer gründlichen Sicht auf die vorliegenden Erkenntnisse der Genetik gelangt man zu einem immer differenzierteren Bild der Geschlechtsentwicklung: Gene wirken in Netzwerken zusammen und es kommt auf das Wechselspiel der genetischen Faktoren, zudem eingebunden in Regulationsmechanismen der Zelle (!), an, wie sich der Genitaltrakt entwickelt. Für einmalige Schlagzeilen in Medien immer wieder neuere Forschungen so zu präsentieren, dass man jetzt „das Gen für die Geschlechtsentwicklung“ gefunden habe, ist hingegen problematisch, da sich ohnehin zeigt, dass in populäre Auffassungen zur Geschlechtsentwicklung an simpelsten Vorannahmen festgehalten wird und das Wissen in der Bevölkerung über die Entwicklung des Genitaltraktes kaum über den Stand der 1960/70er Jahre hinaus geht. Eine seriöse Ergebnis-Präsentation könnte hilfreich sein.

Ein gut lesbarer Zugang zu einem komplexen Verständnis der Geschlechtsentwicklung findet sich hier. Ausführlich hier (3. Kapitel).

Hier ist die Studie („GADD45G Functions in Male Sex Determination by Promoting p38 Signaling and Sry Expression“) zu finden – im Volltext in der Regel von einem Computer einer Universitätsbibliothek zugänglich. (Weitere Links: Institut / Arbeitsgruppe)

Missy Magazine zu „Intersexualität – Intersex: Eine Intervention“

Sonja Erkens hat „Intersexualität – Intersex: Eine Intervention“, das sich auf Basis der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse gegen die geschlechtszuweisenden medizinischen Praxen bei intergeschlechtlichen Menschen richtet, bei Missy Magazine besprochen. In der Besprechung heißt es unter anderem: „Mit der ebenso seltenen wie fruchtbaren Kombination aus biologischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive entlarvt Voß das Konstrukt der Zweigeschlechtlichkeit vielmehr als gesellschaftliches Produkt denn als medizinischen Fakt.“ Auf seiner Basis werden intergeschlechtliche Menschen – so Erkens weiter – „mit medizinischer Brachialgewalt zwangsweise ‚vereindeutigt‘. Die entsprechenden Passagen über das ebenso beherzte wie selbst vor den Betroffenen geheim gehaltene Abschneiden oder Zunähen unerwünschter Geschlechtsmerkmale lesen sich zwar wie von Dr. Frankenstein höchstselbst erdacht, zeigen aber auf eindrückliche Weise, wie kompliziert und aufwändig es bisweilen sein kann, so etwas vordergründig Banales wie “Normalität” herzustellen.“ Die vollständige Besprechung findet sich hier.

Informationen zum Buch finden sich hier.

Eine Übersicht über die bisher erschienenen Rezensionen ist hier online.

Österreichische HochschülerInnenschaft zu „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“

In der – sehr lesenswerten – Publikation „Sex(ual) Politics“ der österreichischen HoschschülerInnenschaft wird „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“ besprochen. Dort heißt es unter anderem: Heinz-Jürgen Voß‘ „Ausführung beinhaltet dabei durchwegs neue Forschungsarbeit und wirkt trotz des naturwissenschaftlichen Hintergrunds keineswegs trocken. So stellt das Büchlein in Summe ein ausgezeichnetes Einführungswerk dar, das prägnant und verständlich unterschiedliche Diskussionsstränge auf den Punkt bringt und neue Diskussionsansätze geradezu herausfordert.“ Hier lässt sich die Publikation „Sex(ual) Politics“ bestellen.

Informationen zum Buch gibt es hier, beim Verlag.
Eine Übersicht über die erschienenen Rezensionen findet sich hier.

„Fakten und Mythen in der Beschneidungsdebatte“

Anbei ein kleiner Hinweis auf das sehr gute Papier „Fakten und Mythen in der Beschneidungsdebatte“, in dem der deutsche Diskurs reflektiert und gängige Vorannahmen diskutiert werden. Hier ist es bei Bündnis 90 / Die Grünen Berlin verlinkt.

Ausführlich zur Debatte in Kürze: Interventionen gegen die deutsche „Beschneidungsdebatte“

Kurz, kenntnisreich, weitgehend klar: Die Ethikkommission der Schweiz zu Intersexualität

Während der Deutsche Ethikrat in seinen Empfehlungen sehr vage blieb, wichtige neuere Forschungsergebnisse nicht heranzog und insbesondere die zentralen Forderungen der Verbände intergeschlechtlicher Menschen nicht in gleichem Maße wie die Vorstellungen der Medizin thematisierte (vgl. hier), legt die Ethikkommission der Schweiz eine klare Stellungnahme vor, die weggeht vom Skalpell, hin zu einer psychologischen Begleitung. Fragen sind nun eher: Wie kann ein Kind psychologisch unterstützt werden, mit geschlechtlich uneindeutigen Genitalien zu leben; wie können Eltern und das soziale Umfeld unterstützt werden, ihre eigenen Ängste abzubauen.

Auch wenn auch hier eine „Hintertür“ für die gewaltvollen und traumatisierenden Eingriffe der Medizin noch offengehalten ist, so wird doch ein klarer Hinweis auf die zu ändernde Behandlungspraxis gegeben: „Als Grundsatz für den Umgang mit DSD sollte Folgendes gelten: Alle nicht bagatellhaften, geschlechtsbestimmenden Behandlungsentscheide, die irreversible Folgen haben, aber aufschiebbar sind, sollten aus ethischen und rechtlichen Gründen erst dann getroffen werden, wenn die zu behandelnde Person selbst darüber entscheiden kann. Dazu zählen geschlechtsbestimmende Operationen an den Genitalien und die Entfernung der Gonaden, wenn für diese Eingriffe keine medizinische Dringlichkeit (zum Beispiel ein erhöhtes Krebsrisiko) besteht. Ausnahmen gelten dann, wenn der medizinische Eingriff dringend ist, um schwere Schäden an Körper und Gesundheit abzuwenden.“ Ausnahmen werden hier stark eingegrenzt und richten sich auf die selten vorkommenenden Begleiterscheinungen (etwa Salzverlust), die tatsächlich medizinische Eingriffe erforderlich machen, um einen gesundheitsbedrohlichen Zustand abzustellen. Mit der Behandlung solcher „Begleiterscheinungen“ ist aber nicht verbunden, dass das Genital vereindeutig werden müsste – vielmehr wird das in dieser Empfehlung auf einen späteren Zeitpunkt verlagert, an dem der jeweilige Mensch selbst darüber entscheiden kann, ob er die gefahrvollen geschlechtsvereindeutigen Eingriffe möchte und ggf. welche. Wichtig also: Die Medizin (und ihre Normalisierungstechniken) tritt endlich wieder etwas zurück und die elterliche Sorge für das Wohl des eigenen Kindes und die eigene Entscheidung des jeweiligen Menschen werden bedeutsam!

Es ist zu wünschen, dass im gesetzlichen Verfahren in der Schweiz nicht weitere „Hintertüren“ für das bisherige gewaltsame und traumatisierende Behandlungsprogramm eingebaut werden, dass also klare Regelungen getroffen werden, die geschlechtsvereindeutigende Eingriffe ausschließen. Und auch für die Debatte in der Bundesrepublik Deutschland lässt sich zumindest aus der Deutlichkeit der Ableitung lernen.

Stellungnahme der Schweizer Ethikkommission.

Einordnung von der schweizer Gruppe Zwischengeschlecht: hier und hier.

Rezension von „Intersexualität – Intersex: Eine Intervention“ in „progress – Magazin der österreichischen HochschülerInnenschaft“

Andrea*s Jackie Klaura rezensierte „Intersexualität – Intersex: Eine Intervention“ für progress – Magazin der österreichischen HochschülerInnenschaft. In der Besprechung hält Klaura unter anderem fest: „[D]ieses kompakte Büchlein [entwickelt] das Potential zur breit verwendbaren Argumentationsgrundlage für medizinisch- und juristisch-politische Debatten. […] Ähnlich wie in der ausführlicheren und als Grundlage zu empfehlenden Einführung in das Thema Geschlecht. Wider die Natürlichkeit (2011. Schmetterling Verlag) versteht es Voß, wissenschaftliche Sachverhalte auch in historische und aktuelle gesellschaftliche Kontexte einzubinden. Trotz des wissenschaftlichen Charakters ist der Biologe Voß dabei stets darum bemüht, die Sachverhalte in allgemein-verständlicher Weise zu erläutern.“ Die Besprechung ist in Kürze neben der gedruckten Form auch online verfügbar.

Informationen zum Buch finden sich hier.

Eine Übersicht über die bisher erschienenen Rezensionen ist hier online.

„Markierte Körper“: Michel Chaouli schreibt sehr gut in der ZEIT zur deutschen „Beschneidungsdebatte“

In der aktuellen ZEIT ist ein sehr sehr guter Beitrag zur deutschen „Beschneidungsdebatte“ erschienen. Unter dem Titel „Markierte Körper“ erläutert Michel Chaouli exzellent, was auch in emanzipatorischen linken Kreisen in den vergangenen Wochen nicht oder nur schwer verstanden wurde: Das „Bild des »natürlichen Leibes« […] ist ein Phantom“. Hier geht es zum Beitrag auf ZEIT online.

Sehr schön endlich mal wieder einen intelligenten Beitrag zur Debatte zu lesen! Und als Ausblick: In wenigen Wochen erscheint auch unser Band „Interventionen gegen die deutsche «Beschneidungsdebatte»“, in dem der sehr tolle Beitrag von Zülfukar Çetin und Salih Alexander Wolter ausführlich in gleicher Richtung argumentiert. Hier findet sich ein erster Blick auf den Band und hier auch direkt auf den Beitrag von Zülfukar Çetin und Salih Alexander Wolter. Der Band wird am 27.11.2012 ausgeliefert!