Archiv für September 2012

…die Dominanz des bipolaren Modells war erst in den 1930er Jahren … zustande gekommen…

Noch einmal ein kleiner Literaturhinweis, weil ich gerade noch einmal lese. Helga Satzinger erläutert in „Differenz und Vererbung“ auch, wie bestimmte Chromosmen- und Hormontheorien bzgl. Geschlecht von anderen abgelöst wurden:

„In den Jahren zuvor [in den 1920er Jahren] war das Konzept der genetischen und hormonellen Geschlechterwandlung und -mischung sehr breit diskutiert worden, die Dominanz des bipolaren Modells war erst in den 1930er Jahren durch das Fehlen ihrer Vertreter, die emigrieren mussten, zustande gekommen.“ (Satzinger 2009: 399)

Satzinger (2009) liefert ganz wichtige Zugänge für Geschlechterforschung und Naturwissenschaft – wie bestimmte Theorien erdacht wurden, welchen Anteil Frauen daran haben; …und welchen Einfluss politische Rahmenbedingungen haben – der Hitlerfaschismus in Deutschland. Es ist eine exzellente Arbeit und sollte Grundlage für zahlreiche weitere Ausarbeitungen sein!

Satzinger, H. (2009): Differenz und Vererbung: Geschlechterordnungen in der Genetik und Hormonforschung 1890 – 1950. Köln etc.: Böhlau Verlag. Hier findet sich eine Rezension.

Unterschiede in Gehalt und Karrieremöglichkeit nach Geschlecht – an Universitäten (Studie)

In Wissenschaften entscheidet das Geschlecht über Gehalt und Karrieremöglichkeit – eine weitere Studie kommt wiederum zu diesem Ergebnis. In der Süddeutschen Zeitung findet sich hierzu ein lesenswerter knapper Beitrag, in dem es u.a. heißt: „Allein der Vorname, aus dem Arbeitgeber das Geschlecht von Bewerbern ablesen können, entscheidet bei jungen Wissenschaftlern offenbar über Karriere und Verdienst. Steht in den Unterlagen „John“, bieten Professoren aus den Naturwissenschaften 14 Prozent mehr Gehalt und eine bessere Förderung an, als wenn sie „Jennifer“ lesen.“

Zum Beitrag in der Süddeutschen gehts hier.

Zur Studie, die frei im Volltext verfügbar ist, gehts hier.

BUCH und AUSSTELLUNG: Die Künstler_in Marion Denis untersucht die Herstellung biologischen Wissens über Geschlecht

Marion Denis hat mit „double blind“ aktuell wieder eine bemerkenswerte Arbeit vorgelegt. Dort geht sie künsterlisch der Frage nach, wie Geschlecht in den Wissenschaften Biologie und Medizin konkret hergestellt wird. Denis hat hierzu Laborkulturen ins Visier der Kamera genommen und die entstandenen Fotografien mit Interviews und Texten kontextualisiert. Das Ergebnis ist nun als Ausstellung in Berlin zu betrachten – und in einem Band erschienen. Beide seien wärmstens empfohlen.

Informationen zur Ausstellung.

Informationen zum Buch.

Homepage von Marion Denis.

Proteste Intersexueller gegen geschlechtszuweisende medizinische Eingriffe gehen weiter – 23. bis 29.9. in Dresden, Leipzig, Halle

In Dresden, Leipzig und Halle demonstrieren vom 23. bis 29.9. Intersexuelle gegen die gewaltvollen und traumatisierenden medizinischen geschlechtszuweisenden Eingriffe und die gesellschaftliche Behandlung Intersexueller. Es finden zahlreiche Veranstaltungen statt, zu der auch Interessierte und Unterstützende eingeladen sind. Informationen finden sich bei Zwischengeschlecht.info.

Vorhautbeschneidung bei Jungen: Weg von Vorannahmen, hin zu fundierter Diskussion

Vorhautbeschneidung bei Jungen: Weg von Vorannahmen, hin zu fundierter Diskussion.
Heinz-Jürgen Voß
(als pdf-Datei)

Ich habe in den vergangenen Wochen intensiv die Debatten um die Vorhautbeschneidung bei Jungen verfolgt. Ich hätte mir gewünscht, dass ein ähnlich intensives Streiten bzgl. der medizinischen Gewalt gegen Intersexe stattgefunden hätte. Im Gegensatz zur Vorhautbeschneidung bei Jungen kämpfen hier seit Jahrzehnten Menschen gegen die als grauenvoll empfundenen Behandlungen und ihre Folgen.
Bzgl. der Vorhautbeschneidungen bei Jungen gibt es im deutschsprachigen Raum dieses Streiten von selbst betroffenen Menschen hingegen nicht. Aber statt das als Hinweis zu nehmen, dass hier kein solches Streiten erforderlich ist oder dass es etwa nicht so dringlich ist, wurde argumentiert, ‚die beschnittenen Männer wüssten ja nicht, was ihnen bzgl. Sensitivität entgehe‘. Das eigene Empfinden und die eigene Vorannahme wurde auf andere Menschen übertragen – ein Vorgehen, dass nicht zuletzt durch Sexualwissenschaft, Gender und Queer studies und Intersektionalitätsforschung als inakzeptabel erwiesen ist.
Die Debatte ist aufgeladen, gerade weil vom Kölner Landgericht ein Urteil gefällt wurde, was gut in den strukturellen Rassismus in der Bundesrepublik Deutschland passt. Aber das sollte nicht zu voreiligen Kurzschlüssen verleiten, sondern gerade als Forderung an Wissenschaftler_innen und gut informierte Interessierte verstanden werden, genau nachzuschauen, nachzufragen und zu analysieren.

Zur Kenntnis zu nehmen ist dabei: (mehr…)

Intersexualität: Aktuelle Entwicklungen

Intersexualität: Aktuelle Entwicklungen (Heinz-Jürgen Voß)
(zuerst in: SINa – Sexualwissenschaftlicher Interdisziplinärer Nachwuchs, 2 (2012): 7-9.)

In den vergangenen Monaten ist Bewegung in die Debatte um die medizinische Behandlungspraxis von intergeschlechtlichen Kindern gekommen. Von den früher entsprechend dem Programm Behandelten werden die medizinischen Interventionen als gewaltvoll und traumatisierend beschrieben. Auch die wissenschaftlichen Outcome-Studien, die die anatomischen und funktionalen Behandlungsergebnisse sowie die Behandlungszufriedenheit erheben, stützen die Sicht der politisch streitenden behandelten Menschen. Zuletzt kommen Katinka Schweizer und Hertha Richter-Appelt (2012) zum Schluss: „Insgesamt fällt eine hohe Beeinträchtigung des körperlichen und seelischen Wohlbefindens auf. So litten über 60% der Teilnehmenden sowohl unter einer hohen psychischen Symptombelastung als auch unter einem beeinträchtigten Körpererleben. […] Die psychische Symptombelastung, die z.B. anhand depressiver Symptome, Angst und Misstrauen erfasst wurde, entsprach bei 61% der Befragten einem behandlungsrelevantem Leidensdruck […]. Auch hinsichtlich Partnerschaft und Sexualität zeigte ein Großteil der Befragten einen hohen Belastungsgrad. […] Fast die Hälfte (47%) der Befragten, die an den Genitalien operiert wurden, berichteten sehr viel häufiger über Angst vor sexuellen Kontakten und Angst vor Verletzungen beim Geschlechtsverkehr als die nicht-intersexuelle Vergleichsgruppe“ (Schweizer et al. 2012: 196f; Übersicht über die internationalen Outcome-Studien in: Voß 2012).

Und auch der Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend des Deutschen Bundestages kommt nach seiner Sitzung im Juni zu einem eindeutigen Urteil. In der Pressemitteilung vom 25. Juni 2012 heißt es: „Operationen zur Geschlechtsfestlegung bei intersexuellen Kindern stellen einen Verstoß gegen das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit dar und sollen zukünftig unterbunden werden. Dies war das einhellige Votum der öffentlichen Anhörung im Familienausschuss am Montagnachmittag.“ (Familienausschuss 2012) (mehr…)

Naturverhältnisse und Geschlechterverhältnisse – Workshop am 12. Oktober 2012 in Frankfurt/Main

Unter dem Titel „Naturverhältnisse und Geschlechterverhältnisse – feministische Wiederentdeckungen“ findet am 12. Oktober 2012 in Frankfurt/Main ein Workshop zu feministisch-naturwissenschaftlichen Perspektiven statt.

Im Aufruf der veranstaltenden Arbeitsstelle Gender Studies der Universität Gießen und der Heinrich-Böll-Stiftung Hessen heißt es:

„Die Anzeichen mehren sich, dass nach dem cultural turn in der Geschlechterforschung wieder stärker die Materialität gesellschaftlicher Naturverhältnisse in den Blick genommen wird und die feministische Theorie sich erneut mit jenen Themen befasst, die feministische Forschung und Politik vor 20 Jahren schon einmal stark bewegt haben: Wissenschafts- und Erkenntniskritiken, Ökologiepolitiken, Körpervorstellungen, philosophische Überlegungen zum Verhältnis von menschlicher und nichtmenschlicher Natur. Die Zeitschrift Femina Politica brachte 2010 ein Schwerpunktheft zur Nachhaltigkeit heraus, das Cornelia-Goethe-Centrum der Universität Frankfurt hat bereits zwei Vorlesungsreihen zu gesellschaftlichen Naturverhältnissen veranstaltet, Christine Bauhardt hat in der Zeitschrift GENDER (Heft 3/2011) einen wichtigen Aufsatz über „Gesellschaftliche Naturverhältnisse von der Materialität aus denken“ publiziert, in der feministischen Theorie wird vom „material turn“ gesprochen, und einige der Berichte zur Documenta 13 stellen ihren „Ökofeminismus“ ins Zentrum. Das lange marginalisierte Themenfeld „Naturverhältnisse und Geschlechterverhältnisse“ ist zurück auf der Agenda des Feminismus.

20 Jahre nach der erfolgreichen Verankerung von Frauenumweltpolitik in die Agenda 21 wollen wir zu einem Diskussionsaustausch einladen, der sowohl die letzten zwei Jahrzehnte reflektiert als auch in die Zukunft des Themenfeldes blickt.“

Das Programm findet sich hier.

„Die Sache mit dem Geschlecht“ – Interview bei fluter. Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung

Ein kurzer Hinweis auf ein längeres Interview, das Liz Weidinger vom fluter. Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung führte:
„Die Sache mit dem Geschlecht – Der Biologe Heinz-Jürgen Voss über das Begehren der Geschlechter“.

Buchhinweis 1 zum Thema: Heinz-Jürgen Voß: „Geschlecht“

Buchhinweis 2 zum Thema: Heinz-Jürgen Voß, „Making Sex Revisited“

Fakultative ungeschlechtliche Fortpflanzung – evolutionär von Vorteil…

Parthenogense – ungeschlechtliche Fortpflanzung oder „Jungerfernzeugung“ – ist bei den Organismen weit verbreitet. Selbst bei Tierarten, bei denen auch geschlechtliche Fortpflanzung möglich ist (als Gattungsmerkmal – es muss keineswegs alle oder die Mehrheit der Individuen einer Art betreffen), findet ungeschlechtliche Fortpflanzung statt und könnte – evolutionär gesehen – von Vorteil zu sein.

Hierzu gibt es eine neue Studie, die explizit Schlangen untersuchte – und parthenogenetische Fortpflanzung nachweisen konnte, obwohl ein deutlicher Überschuss als männlich eingeordneter Individuen feststellbar gewesen sei. Die vollständige Studie findet sich hier: Facultative parthenogenesis discovered in wild vertebrates. Ein kleiner einführender Beitrag dazu findet sich beim scienceticker.

Einen sehr guten deutschsprachigen Überblick über Parthenogeneseforschung hat Prof. Smilla Ebeling bereits 2002 veröffentlicht – sie ist sehr empfehlenswert: „Die Fortpflanzung der Geschlechterverhältnisse. Das metaphorische Feld der Parthenogenese in der Evolutionsbiologie.“ (Mössingen-Thalheim: Talheimer Verlag, Infos).

Ein lesenswerter Beitrag über Judith Butler in der EMMA – zu ihrem Lebenswerk, Anlass ist die Verleihung des Adorno-Preises

In dem Beitrag in der Zeitschrift EMMA heißt es unter anderem – und relevant für dieses Blog – zum Werk von Butler: „So deutlich wie bereits vor ihr die – in den USA kaum gelesene – Simone de Beauvoir, die frühe Kristeva, Irigaray oder Monique Wittig weist Butler jegliche biologische Natur der Geschlechter zurück. Es gibt kein Sex, nur Gender. Geschlechterdifferenzen sitzen weder „im“ Körper noch werden sie „an“ ihm festgemacht. Sondern wir lernen sie, indem wir einüben, was überhaupt ein „normaler“ Körper ist und was die Gesellschaft an Körpern wichtig und wahrnimmt. Diese antrainierte Geschlechterrolle inszenieren, praktizieren und bekräftigen wir jeden Tag aufs Neue. Soweit (nicht nur) Butler. […] Beliebig sind Geschlechtszugehörigkeiten deswegen noch keineswegs, im Gegenteil: Die Selbst- und Fremddarstellungsakte, welche Geschlechterunterschiede errichten, sind von Macht durchdrungen, herrschaftlich geordnet und oft verbunden mit Gewalt.“ Alles aus diesem Zitat gilt es im deutschsprachigen Raum bezüglich Geschlecht noch ausreichend zur Kenntnis zu nehmen – sowohl den Beginn als auch den letzten Satz! Aber der gesamte Beitrag ist sehr lesenswert – und hier gehts zum Beitrag.