Archiv für Juli 2012

Die neue GEO mit ihrem „Frau Mann“-Schwerpunkt: „Alles Bio. Oder? Geschlechter-Forschung: Der Mythos vom Unterschied“

„Alles Bio. Oder? Geschlechter-Forschung: Der Mythos vom Unterschied“ heißt es in der Überschrift eines der Beiträge im aktuellen GEO-Themenheft „Frau Mann“ (Juli 2012). Es werden die Geschlechter-Klischees in der aktuellen Forschung aufgespürt und mit einigen seriöseren Arbeiten, die explizit nicht auf Verkaufserfolg zielten, kontrastiert. „Autoren wie Verlagen verheißt der weite Raum zwischen Mars und Venus astronomische Gewinnspannen.“ (S.33) Einige, wie die aktuell prominente Differenz-Autorin Louann Brizedine, profitieren nicht nur von durch Autor_innen-Honorare von ihren Buchverkäufen, sondern sie ist auch Gründerin einer Klinik, die sich auf die in den Büchern als bedeutsam dargestellten Hormone spezialisiert hat. Das Wartezimmer will gefüllt werden.

„Man braucht nur: Forscher mit Drang zur Öffentlichkeit und Medien mit Mut zur Vereinfachung. Fertig ist der Party-Smalltalk. Eine seriöse Studie zu dem Thema [verwendeter Sprachschatz], mit 400 Teilnehmern, gelangt zu ganz anderen resultaten: Frauen sprechen 16 215 Wörter am Tag, Männer 15 669. Solche Befunde aber bleiben meist unbeachtet. Denn die Nachricht ‚Frauen und Männer reden gleich viel‘ – sie ist keine. Oft fristen Untersuchungen, die auf Gleichheit statt Differenz stoßen, von vornherein ein Schubladendasein.“ (33) (mehr…)

Veranstaltungen zu Intersex / Intersexualität in Halle (12.7.) und Leipzig (18.7.)

Halle: 12. Juli | 20 Uhr | Infoladen Glimpflich / VL Ludwigstraße 37

Film: „Die Katze wäre eher ein Vogel“ (Melanie Jilg)
Vier intersexuelle Menschen erzählen von ihren Erfahrungen, Gedanken und Gefühlen. Dieses dokumentarische Experiment will keinen Versuch machen, das medizinisch-biologische “Phänomen” Intersex zu erklären. Mediziner/Innen werden in diesem Film nicht zu Wort kommen; ebenso wenig werden Bilder von “uneindeutigen” Genitalien zu sehen sein . Es geht darum, das Thema Intersex von einer anderen Seite zu betrachten, nicht von der Seite der Medizin, die noch immer die Macht der Kategorisierung innehat, von der alle Begrifflichkeiten pathologisierend geprägt sind und die die intersexuellen Geschlechtsvariationen zum Objekt wissenschaftlicher Untersuchungen macht .

Im Anschluss: Diskussion (und falls gewünscht Input)
mit Heinz-Jürgen Voß „Intersex – nach der Stellungnahme des Deutschen Ethikrates „Intersexualität“ ist weiteres Streiten notwendig“

Oft werden bei der Diagnose «Intersex» im Säuglings- und frühen Kindesalter operative und hormonelle Eingriffe vorgenommen, um ein möglichst eindeutiges Erscheinungsbild der Genitalien zu erreichen. Von den Interessensvertretungen der Intersexe werden diese Eingriffe als gewaltsam und traumatisierend beschrieben. Es wird der Stand der Diskussion vorgestellt und wird dargestellt, warum die Stellungnahme des Deutschen Ethikrates nicht überparteilich ist und dass es problematisch ist, dass sie die aktuellen und internationalen wissenschaftlichen Erkenntnisse zum anatomischen und funktionalen Behandlungsergebnis und zur Behandlungszufriedenheit nicht berücksichtigt. Mögliche Auswege werden skizziert.

Leipzig / 18. Juli / 19 Uhr Libelle / Kolonnadenstraße 19

Intersexualität – Intersex – Eine Intervention
Vortrag mit Heinz-Jürgen Voß nach der Stellungnahme des Deutschen Ethikrates „Intersexualität“

Oft werden bei der Diagnose «Intersex» im Säuglings- und frühen Kindesalter operative und hormonelle Eingriffe vorgenommen, um ein möglichst eindeutiges Erscheinungsbild der Genitalien zu erreichen. Von den Interessensvertretungen der Intersexe werden diese Eingriffe als gewaltsam und traumatisierend beschrieben. Der Deutsche Ethikrat berücksichtigte sie nicht für seine Anfang 2012 veröffentlichte Stellungnahme zum Umgang mit Intersexualität. In dem Input wird der Stand der Diskussion vorgestellt und darauf eingegangen, warum die Stellungnahme des Deutschen Ethikrates nicht überparteilich ist.
Heinz-Jürgen Voß (Dipl. Biol., Dr. phil.) promovierte sich 2010 zur gesellschaftlichen Herstellung biologischer Geschlechtertheorien an der Universität Bremen.

Rezension von „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“ und „Making Sex Revisited“ in der Zeitschrift für Sexualforschung

Prof. Rüdiger Lautmann rezensierte für die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift für Sexualforschung (2/2012) die beiden Bücher „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“ und „Making: Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive“. In der umfangreichen Besprechung hält er unter anderem fest:

„Die beiden Bücher attackieren die verbreitete Grundüberzeugung, dass Menschen von Natur aus ein Geschlecht „haben“ und dass dieses Merkmal nach weiblich / männlich strikt zweigeteilt sei. […] Voß trägt seine Attacke nicht – wie sonst so viele – als bloßes Postulat vor, sondern entwickelt sie denkgeschichtlich, und zwar derart materialreich, dass der Kritik irgendwann die Puste ausgehen muss. […] In einer sehr umfangreichen Recherche wird die Forschungsliteratur ausgewertet (bei den historischen Partien sekundäranalytisch). Seitdem man von einer Biologie als Wissenschaft sprechen kann, werden die einschlägigen Texte präsentiert (Primäranalyse). Einige Annahmen, die durchaus als Hypothesen im geläufigen wissenschaftstheoretischen Sinne gelten können, lauten: Die biologischen Aussagen zur Geschlechtlichkeit seien nie eindeutig und ausschließlich auf die Zweierstruktur ausgerichtet gewesen; die allgemein akzeptierte Behauptung von Thomas Laqueur zum Umbruch des Geschlechtsdenkens um 1800 stimme nicht und müsse modifiziert werden; Vorstellungen über mehr als zwei Geschlechter laufen seit dem Altertum im Denkrepertoire mit. Die Biologie muss sich vorhalten lassen, ihre Erkenntnisse seien durch Vorannahmen zum Frauen- und Männerbild programmiert. […] Voß‘ Studien enthalten einen beträchtlichen Mehrwert an Erkenntnis. Man wird zukünftig nicht von der kulturellen Selbstverständlichkeit ausgehen können, die Aufteilung in zwei Geschlechter (zuzüglich einiger quantitativ seltener Besonderheiten wie Transgender und Intersexe) sei ein eindeutiges Resultat der Biologie. Vielmehr wird man anerkennen müssen, dass auch die Biologie – ebenso wie seit einiger Zeit die kulturologische Genderforschung – immer schon mehrere Denkmodelle gepflegt hat.“ Hier geht es zur Besprechung.

Informationen zu den Büchern gibt es hier (Geschlecht) und hier (Making Sex Revisited).
Eine Übersicht über die erschienenen Rezensionen findet sich hier und hier.

Input am 9. Juli in Leipzig: „Die Auslöschung geschlechtlicher und sexueller Pluralität seit der europäischen Moderne“

Im Rahmen des CSD Leipzig möchte ich euch sehr gern auch auf den folgenden Input hinweisen, bei dem ich mich freuen würde, mit Interessierten ausführlich zu diskutieren:

„Die Auslöschung geschlechtlicher und sexueller Pluralität seit der europäischen Moderne“
Montag, 09.07., 18:00; Ort: linXXnet, Bornaische Straße 3 d, Leipzig
Referent_in: Dr. Heinz Jürgen Voss

Seit der europäischen Moderne zeigt sich ein massives Streben nach geschlechtlicher und sexueller Eindeutigkeit und Widerspruchsfreiheit in Europa. Jeder Mensch sollte nun Mann oder Frau sein, sein sexuelles Tun vereindeutigte sich in starren Identitäten als hetero-, bi- oder homosexuell. Diese Zusammenhänge hatte zunächst Michel Foucault herausgearbeitet. Er stellte dar, wie im Abendland zunächst durch das christliche Beichtgeheimnis das stete Sprechen über Sexualität angeregt wurde. Sexuelle Tätigkeiten wurden problematisiert und mussten dem Beichtvater in allen Einzelheiten geschildert werden. Aber erst mit der aufkommenden Moderne etablierte sich die massive Verfolgung von problematisierten Sexualitäten – zunächst geschah dies unter „Sodomie“-Paragrafen. Tausende Menschen wurden so verurteilt. Mit dem 19. Jahrhundert setzte eine Medizininisierung ein, bei der zahlreiche sexuelle Verhaltensweisen und geschlechtliche Merkmale als „unnormal“ und „pathologisch“ dargestellt wurden. Im Vortrag arbeiten wir auf, wie sich starre sexuelle und geschlechtliche Identitäten und Normen herausgebildet haben und wie davon abweichende Verhaltensweisen und auch körperliche Geschlechtsmerkmale in zunehmendem Maße als problematisch betrachtet und schließlich pathologisiert und getilgt wurden. Es wird der Frage nachgegangen, wie Europa toleranter gegenüber Mehrdeutigkeiten werden und dafür unter anderem aus anderen geographischen Regionen lernen könnte.

Ein Überblick über weitere Veranstaltungen findet sich auf der Website des CSD Leipzig.

Eine weitere daran anknüpfende Veranstaltung findet am 18. Juli (Mittwoch), 19 Uhr in der Leipziger „Libelle“ (Kolonnadenstr. 19) statt, Thema: „Intersex – nach der Stellungnahme des Deutschen Ethikrates ‚Intersexualität‘ ist weiteres Streiten notwendig“.

The circumcision of the foreskin in boys is not equivalent to violent medical treatments directed against intersexes!

The circumcision of the foreskin in boys does not mean the removal or reduction of glans or clitoris as was and still is the case in treatments directed against intersexes. Nor will gonads be removed or a vagina painfully produced and dilated, and afterwards no life-long taking of hormones is necessary as intersexes often have to cope with. Therefore it is inappropriate to equate one with the other and make a case for limiting the freedom of religion.

Rather, society should start debating about how to overcome the narrow gender norms infringing people´s right of self-determination. This would soon raise questions about social norms in general, it would mean to really end violence against women, really go against gender stereotypes and stop the medicalization and psychiatrization of people… However, this is not happening. Instead, the judgment about the circumcision of the foreskin in boys fits in a German policy that wanted „Christian values and traditions“ even to be inscribed in the European Constitution and that cites the rights of women and homosexuals (which it could bring itself to grant only after much deliberation) as arguments for war against other countries.

What use is all this talk about „intersectionality“ when even people who otherwise like to think in terms of emancipation refer to a „Christian Occidental“ understanding „in the case“ where for once an intersectional approach is indeed indispensible? (mehr…)