Offener Brief von zwischengeschlecht.org – Menschenrechte auch für Zwitter!

zwischengeschlecht.org
Menschenrechte auch für Zwitter!

O F F E N E R B R I E F

Sehr geehrte Organisierende, Vortragende, Teilnehmende und Sponsoren der internationalen & interdisziplinären Konferenz „Transgender und Intersex in Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft“

Als Menschenrechtsgruppe, die sich seit 4 Jahren aktiv gegen die täglichen Genitalverstümmelungen in Kinderkliniken einsetzt, freuen wir uns, dass Ihre Konferenz ab heute in Dresden „die sozialen, politischen und rechtlichen Dimensionen“ von Intersex berücksichtigen will (Ankündigung) sowie „Betroffenen Gehör zu verschaffen und die Öffentlichkeit zu sensibilisieren“ (Pressemitteilung 9.1.12).

Als führende Wissenschaftler der Intersex-Forschung (Pressemitteilung 9.1.12) ist Ihnen in diesem Zusammenhang sicher bekannt,

• dass mindestens jedes 1000. Neugeborene mit „atypischen“ Genitalien auf die Welt kommt, und diese Kinder laut aktuellen Studien der Mediziner selbst heute noch zu 90% im Kindesalter „korrigierenden“ kosmetischen Genitaloperationen unterworfen werden, für die keine zwingende medizinische Indikation besteht,

• dass Betroffene solcher Operationen diese seit bald 20 Jahren als „immens destruktiv für die sexuelle Empfindsamkeit und das Gefühl für körperliche Unversehrtheit“, als „westliche Form von Genitalverstümmelung“, „medizinisches Verbrechen“ und „fundamentale Menschenrechtsverletzung“ anprangern,

• dass praktisch alle Organisationen von Betroffenen als erste und wichtigste Forderung von Beginn bis heute die sofortige Beendigung kosmetischer Genitaloperationen an Kindern einklagen.

Demgegenüber ist aus dem öffentlichen Auftritt der Konferenz zumindest für die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org bisher leider nicht ersichtlich, wie die Konferenz

a) die Problematik der täglichen Verstümmelungen an Kindern mit „atypischen“ Genitalien angemessen berücksichtigen will, geschweige denn dazu „die Öffentlichkeit zu sensibilisieren“, sowie

b) welche Vortragenden eine Praxis zur konkreten Beendigung der täglichen Verstümmelungen ins Zentrum stellen oder anderweitig in der „politischen und rechtlichen Dimension“ dazu beitragen, diesbezüglich „Betroffenen Gehör zu verschaffen“.

Zumindest den Verantwortlichen sowie einem Großteil der Beitragenden der Konferenz ist fraglos weiter bekannt,

• dass Betroffene das Thematisieren von „Intersex“ in Wissenschaft und Politik bei gleichzeitigem Ausblenden der Genitalverstümmelungen seit vielen Jahren als schädlich, unzulässig und vereinnahmend kritisieren.

Ebenso sollte den Organisierenden und Beitragenden bekannt sein,

• dass innerhalb praktisch aller wissenschaftlicher Institutionen, die an der Tagung direkt oder indirekt beteiligt sind, in deren kinderchirurgischen Abteilungen genau die angeprangerten Genitalverstümmelungen jahrein, jahraus unwidersprochen an wehrlosen Kleinkindern praktiziert sowie öffentlich propagiert werden, darunter:

- TU Dresden
- Humboldt-Universität Berlin
- Freie Universität Berlin
- Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
- Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
- Justus-Liebig-Universität Gießen
- University of London
- University of Leeds

(Ausnahmen bestätigen die Regel: Bei Institutionen, die wie z.B. die Universität Siegen oder die Manchester Metropolitan University nicht über eigene pädiatrische Kliniken verfügen, werden die Verstümmelungen einfach in der nächstgelegenen durchgeführt, im vorliegenden Fall im Universitätsklinikum Gießen und Marburg bzw. in den Central Manchester University Hospitals.)

Dass unter diesen Umständen an einer internationalen & interdisziplinären Konferenz, welche die Begriffe „Intersex“ und „Gesellschaft“ in ihrem Titel trägt, ausgerechnet die zentrale Tatsache der täglichen Genitalverstümmelungen an wehrlosen Kindern ebenso unter den Tisch zu fallen scheint wie die Stimmen und Anliegen der davon Betroffenen, erfüllt die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org mit tiefer Sorge.

Im Namen von durch uneingewilligte kosmetische Genitaloperationen im Kindesalter Betroffenen oder Bedrohten ersuchen wir deshalb die Organisierenden, Vortragenden und Teilnehmenden der Konferenz um Aufklärung über folgende Fragen:

1) Ist Ihnen bekannt, in welchen Institutionen, die an der Konferenz direkt oder indirekt beteiligt sind, jeweils a) welche und b) wie viele kosmetische Genitaloperationen an Kindern durchgeführt werden?

2) Was ist Ihre Position zu kosmetischen Genitaloperationen an Kindern?

3) Warum sind Betroffene von kosmetischen Genitaloperationen im Kindesalter an der Konferenz nicht angemessen vertreten?

4) Sind Sie bereit, etwas zur konkreten Beendigung der täglichen Genitalverstümmelungen in Kinderkliniken beizutragen? Wenn ja, wie? Wenn nein, warum nicht?

Über Rückmeldungen würden wir uns freuen!

Freundliche Grüße

Im Namen von Zwischengeschlecht.org

Daniela Truffer
Gründungsmitglied Zwischengeschlecht.org

http://zwischengeschlecht.org
Regelmäßige Updates: http://zwischengeschlecht.info

Die Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org fordert ein Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern und Jugendlichen sowie „Menschenrechte auch für Zwitter!“.

Betroffene sollen später selber darüber entscheiden, ob sie Operationen wollen oder nicht, und wenn ja, welche.

[Eine englische Übersetzung dieses offenen Briefes wird in Kürze verfügbar sein.]

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2 Antworten auf “Offener Brief von zwischengeschlecht.org – Menschenrechte auch für Zwitter!”


  1. 1 Heinz-Jürgen Voß 18. Januar 2012 um 10:17 Uhr

    Sehr geehrte Daniela Truffer,
    sehr geehrte Mitstreitende von Zwischengeschlecht.org,

    herzlichen Dank für Ihren offenen Brief – ich finde es wichtig, dass an möglichst vielen Stellen auf die Verantwortung von Wissenschaft und Medizin an den geschlechtszuweisenden chirurgischen Eingriffen und sich anschließenden Behandlungen bei uneindeutigen Geschlecht hingewiesen wird. Sie haben auf Ihrem Blog vielfältig deutlich gemacht, wie traumatisierend und schmerzhaft solche Behandlungen sind. Sie sind damit schwerlich als ‚medizinisch‘ zu bezeichnen, weil der Auftrag der Medizin, Menschen zu nützen und nicht zu schaden, nicht erfüllt wird. Grundlegende medizinethische Prinzipien werden so verletzt.

    Vor Ihrem Brief hatte sich bereits Intersexuelle Menschen e.V. an die Veranstaltenden gewendet und Änderungen der Tagesordnung eingefordert. Wie ich in damaligen Rücksprachen mit den Veranstaltenden erfuhr, wurde ein_e Verteter_in von Intersexuelle Menschen e.V. explizit zur Tagung eingeladen bzw. darum gebeten, weitere Interessierte zu benennen. Diese Vertreter_in hat allerdings abgesagt.

    Ich selbst sichte derzeit die neuere medizinische Literatur, insbesondere zu Outcome und Erfahrungsberichten zu den geschlechtszuweisenden Behandlungen, und stelle diese in einem Beitrag zusammen und ordne sie ein. Ich hoffe damit, wenn auch dennoch in Teilen normativ, in eine ethische Debatte wirken zu können. Die Ergebnisse zeigen bereits jetzt, dass die publizierten neuen daten Ihre Forderungen unterstützen. Sie werden womöglich meinen Ansatz dieser Art der Bestandsaufnahme nicht teilen, ich denke aber, dass damit klar wird, dass die derzeitigen vermeintlichen Mittelwege (nur teilweise Aufgabe der geschlechtszuweisenden Maßnahmen) unzureichend sind.

    In meinen Vorträgen weise ich explizit auf die Forderungen der politischen Intersexuellen-Bewegung hin und ermutige dazu, explizit öffentliche Veranstaltungen durchzuführen, um die öffentliche Breite – die Sie erreicht haben – weiter zu vergrößern. Gleichzeitig ermutige ich dazu, die eigenen Forderungen zurückzustellen und die Forderungen der Vereinigungen von Intersexuellen zu unterstützen. Bei Lehrveranstaltungen, zuletzt in den Pflege- und Gesundheitswissenschaften, thematisiere ich die aktuellen Behandlungspraxen und die Forderungen der Intersexuellen-Bewegung; Aufrufe leite ich weiter und versuche damit Ihre Positionen zu verbreiten, ohne mit meiner eigenen Position zu dominieren.

    Ihre Forderungen werden durch die aktuellen Outcome-Studien und breite Erhebungen von Erfahrungsberichten gestützt. Ich hoffe, dass damit auch die noch skeptischen Kreise in der Medizin sehen, dass die derzeit üblichen geschlechtzuweisenden Behandlungen den so behandelten Menschen schaden und nicht nützen – und dass solche Behandlungen der alleinigen Selbstbestimmung des konkreten (intersexuellen) Menschen unterliegen müssen. Sie dürfen dann erst in einem zustimmungsfähigen Alter und nur durch Zustimmung des jeweiligen Menschen selbst stattfinden. Um das erreichen zu können, ist weiterhin Ihr Streiten sehr wichtig – sowohl offene Briefe als auch Interviews und Ihre Demonstrationen!

    Mit herzlichen und solidarischen Grüßen
    Heinz-Jürgen Voß

  2. 2 seelenlos 25. Januar 2012 um 4:32 Uhr

    vielen dank für die solidarischen statements hier, bei dradio kultur und auch sonst!

    herzliche grüsse seelenlos /zwischengeschlecht.info

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