Archiv für Oktober 2011

Geschlecht und kapitalistische Produktionsweise, Queer und Antikapitalismus – Skizzen für neue Perspektiven

von Heinz-Jürgen Voß, Oktober 2011; Den Beitrag gibt es hier auch als pdf-Datei.

Um wirksame Konzepte für eine gerechte Gestaltung der Geschlechterordnung erarbeiten zu können, ist ein grundlegendes Verständnis der gesellschaftlichen Bedeutung von Geschlecht in der derzeitigen kapitalistischen, bzw. vielmehr spät-kapitalistischen, Wirtschaftsordnung erforderlich. Eines ist ganz offensichtlich: Die geschlechtliche Einordnung in Frau und Mann ist, bei allen Veränderungen der Art der Zuordnung und der geschlechtlichen Durchdringung der Gesellschaft, historisch hoch stabil. Wenn man bei wenigen gesellschaftlichen Bereichen von „Dispositiven“ im Sinne Michel Foucaults sprechen kann, so gilt das für „Geschlecht“, für „Frau und Mann“. Es handelt sich nicht nur um „Diskurse“, sondern um einen verfestigten gesellschaftlichen Bodensatz, der als quasi-natürlich erscheint, nicht befragt, geschweige denn intellektuell durchdrungen und verstanden wird. (mehr…)

Die individuelle und vielfältige Physiologie und Wirkung der „Geschlechtshormone“

Im Anschluss an die Forschungen des Nazis Adolf Butenandt hält sich populär hartnäckig die Vorstellung der eingeschlechtlichen Wirkung der „Geschlechtshormone“. Dabei hatte schon Ende der 1920er Jahre, Anfang der 1930er Jahre der jüdische Wissenschaftler Bernhard Zondek bei dem männlichen Pferd ungewöhnlich viel als „weiblich“ betrachtetes Östrogen feststellen können. Während Zondek emigrieren musste, setzte Butenandt die Hormonforschungen im Dritten Reich und schließlich in der Bundesrepublik Deutschland fort – und versuchte eine eindeutige Wirkungsweise von einerseits „weiblichen“, andererseits „männlichen Geschlechtshormonen“ nachzuweisen. Aber auch er kam zu widersprüchlichen Ergebnissen, so dass er eine Hormongruppe als „intersexuelle Hormone“ ausgliederte.

Mittlerweile hat sich in der Hormonforschung und der Entwicklungsbiologie aber die Erkenntnis durchgesetzt, dass Östrogene und Androgene nicht strikt geschlechtlich zu unterscheiden sind. Vielmehr verweisen sie auf einen gemeinsamen Biosyntheseweg, werden jeweils sowohl in Hoden als auch Eierstöcken (aber selbst in anderen Organen) gebildet und ihre Wirkungsweise ist keineswegs auf als „geschlechtlich“ betrachtete Funktionen einzuschränken, sondern sie sind bedeutsam für die Ausbildung zahlreicher lebenswichtiger Organe. Bereits in dem Band „Mechanisms of Hormone Action“ (Austin/Short 1979) fand das prominent und quasi selbstverständlich Erwähnung (Vgl. Abb. 1 und 2), aber auch in den heutigen wissenschaftlichen Lehrbüchern und Facharbeiten bildet diese Erkenntnis eine Selbstverständlichkeit (vgl. bspw. die Lehrbücher Stryer 1999 [1995]: 739ff; Horn 2009: 398ff; Schartl 2009: 719ff – einführend in „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“, S.137ff dargestellt).


Abbildung 1, aus: „Mechanisms of Hormone Action“ (Austin/Short 1979), S.64.


Abbildung 2, aus: „Mechanisms of Hormone Action“ (Austin/Short 1979), S.65.

Abbildung 1 zeigt deutlich den gemeinsamen Biosyntheseweg von Östrogenen (als „weiblich“ betrachteten „Geschlechtshormonen“) und Androgenen (als „männlich“ betrachteten „Geschlechtshormonen“) – hier am Beispiel ihrer Bildung im Hoden. Die Androgene Testosteron und Andorstendion werden zu den Östrogenen Östradiol bzw. Östron umgebildet. Andererseits können auch die Östrogene in Androgene umgebildet werden. Und selbst Progesteron, dem ja oft allein für die Schwangerschaft Bedeutung beigemessen wird, zeigt sich in der Biosynthese zentral eingeordnet – auch in männlichen Hoden. (Das zeigt recht umfassend und gut sogar der Wikipedia-Artikel zu Progesteron.)

Abbildung zwei zeigt, dass sowohl in „Eierstöcken“, als auch in „Hoden“ eine Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Zelltypen stattfindet. Dabei ist die Aufteilung und Wirkung dieser Zelltypen auffällig ähnlich. Also: Die als „weiblich“ betrachteten Thekazellen übernehmen Funktionen wie die als „männlich“ betrachteten Leydigzellen. Die Granulosazellen zeigen auffällige Gemeinsamkeiten mit den Sertolizellen. Eine begriffliche Unterscheidung dieser Zellen wurde vorgenommen, vor dem Hintergrund ihrer deutlichen Ähnlichkeiten in den Funktionen wäre es aber genauso gerechtfertigt, sie nicht unterschiedlich zu benennen. Thekazellen/Leydigzellen könnten einen gemeinsamen Namen tragen, Granulosazellen/Sertolizellen ebenfalls einen gemeinsamen Namen.

Das zeigt Zusammenhänge auf, die darauf zurückzuführen sind, dass sich in der Embryonalentwicklung des Genitaltraktes zunächst ein gemeinsamer, indifferenter Ausgangspunkt zeigt, aus dem sich eine Keimdrüse entwickelt, die sich dann mehr oder weniger eindeutig differenzieren kann. Sie kann als Eierstockgewebe, als Hodengewebe oder als nicht entsprechend differenziertes Gewebe tief im Körperinneren verbleiben oder in die Hodensäcke hinabsinken und dort mehr oder weniger differenziert vorliegen und ggf. „funktionstüchtige Hoden“ darstellen und Spermien bilden können.

Einführend weiterlesen kann man in den folgenden guten Bestandsaufnahmen zur Hormonforschung. Und auch ein Blick in die gängigen biologischen und medizinischen Lehrbücher und Fachartikel zeigt, dass die populäre Sicht der eingeschlechtlichen Bildung und Wirkung von „Geschlechtshormonen“ nicht zutrifft.

Zum weiterlesen:

1) Gute kritische Übersichten:

Fausto-Sterling, A. (1992): Myths of Gender. Biological Theories about Women and Men. BasicBooks, New York

Fausto-Sterling, A. (2000): Sexing the Body – Gender Politics and the Construction of Sexuality. Basic Books, New York.

Oudshoorn, N. (1994): Beyond the natural body: An archeology of sex hormones. Routledge, London etc.

Sengoopta, C. (2006): The Most Secret Quintessence of Life. Sex, Glands, and Hormones, 1850-1950. The University of Chicago Press, Chicago etc.

2) Einige gebräuchliche Lehrbücher:

Horn, F. (2009): Biochemie des Menschen. Das Lehrbuch für das Medizinstudium. Thieme Verlag, Stuttgart etc.

Schartl, M., Gessler, M., Eckardstein, A. von (Hrsg., 2009): Biochemie und Molekularbiologie des Menschen. Elsevier / Urban & Fischer, München.

Stryer, L. (1999 [engl. 1995]: Biochemie. Spektrum, Heidelberg etc.

Ausgezeichnet! Das Buch „Making Sex Revisited“, in dem gezeigt wird, dass es ‚biologisch‘ viele Geschlechter gibt, erscheint bald auch in englischer Sprache

Passend zur Frankfurter Buchmesse: „Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive“ wurde vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Er ermöglicht im Rahmen von „Geisteswissenschaften international“ die Übersetzung des Buches in englische Sprache.

Informationen zum Buch auf der Verlagsseite, beim Transcript Verlag.

„Genau diese Normen sollten wir diskutieren, nicht eine hypothetische „biologische Natur“.“ – Interessantes Interview von Eva Illouz im Spiegel

„Illouz: Ich denke, es ist genau andersherum. Die Moderne hat bestimmte Männer hervorgebracht – und wir ziehen nun Erklärungsmuster aus der Biologie heran, um das zu rechtfertigen. Dabei gibt es genug historische Beispiele für andere Formen von Männlichkeit. Im 19. Jahrhundert etwa war sie wesentlich durch Leidenschaft und den Willen zur Bindung definiert. Selbst wenn es eine Biologie der Geschlechter gäbe, könnte sie durch soziale Normen verändert werden. Genau diese Normen sollten wir diskutieren, nicht eine hypothetische „biologische Natur“. “ Der gesamte Beitrag findet sich hier, bei spiegel.de.

Empfehlenswertes Buch zu Desertion, Wehrkraftzersetzung und “Kriegsverrat” von Soldaten in und aus Hannover 1933-1945

Desertion, Wehrkraftzersetzung, Kriegsverrat, Hannover

Von Ralf Buchterkirchen ist ein sehr gutes Buch erschienen! Es handelt von Deserteuren aus Hannover und solchen, die in Hannover hingerichtet wurden – und dem schwierigen Weg zu ihrer Rehabilitation, die erst in den letzten Jahren erfolgte.
Dabei greift es sowohl neuere Erkenntnisse der kritischen Männlichkeitsforschung auf und zeigt gleichzeitig, wie vielfältig und individuell die Gründe zu desertieren waren. Nicht selten hing ein Deserteur einfach an seinem Leben, konnte das Töten nicht mehr sehen, wollte zu seinen Lieben. Die individuellen Gründe rückt Ralf Buchterkirchen in den Blick.

“… und wenn sie mich an die Wand stellen” – Desertion, Wehrkraftzersetzung und “Kriegsverrat” von Soldaten in und aus Hannover 1933-1945
von Ralf Buchterkirchen

178 Seiten, Paperback, zahlreiche Abbildungen
13,90 €, ISBN: 978-3-930726-16-5
Ausführliche Informationen beim Verlag.
Rezensionsexemplare können ebenfalls beim Verlag angefordert werden.

Geschlecht kann im Pass „x“ sein, weder „weiblich“, noch „männlich“: Alternativen zum Geschlechtseintrag in Australien und Großbritannien

Bei heise.de: „Es gibt nicht mehr nur Frauen und Männer oder Mütter und Väter: Australien hat als Alternative zum Geschlecht ein x eingeführt, Großbritannien will die Möglichkeit anbieten, im Pass nur noch erstes und zweites Elternteil anzugeben. Allmählich werden die neuen Geschlechts- und Reproduktionsverhältnisse auch offiziell anerkannt. Wir entfernen uns von der Ideologie, dass Heterosexualität die Norm ist, dass Familien aus Mann und Frau bestehen, dass die Natur festlegt, wer Mann und Frau ist und bleiben wird, dass nur heterosexuelle Paare Kinder kriegen können. Die Wirklichkeit ist, auch dank Medizin, also der Möglichkeiten der Geschlechtsumwandlung und der künstlichen Befruchtung, pluraler geworden.“ Der vollständige Beitrag hier, bei heise.de.

Rezension von „Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre ‚Muslime versus Schwule‘“ auf Mädchenblog

Rezension von „Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre ‚Muslime versus Schwule‘“ auf Mädchenblog – hier.

Nach dem Münsteraner Tatort „Zwischen den Ohren“: Selbst die Bild-Zeitung musste berichten

Nach dem Münsteraner Tatort „Zwischen den Ohren“ lohnt eine kurze Medienrecherche! Selbst die Bild-Zeitung veröffentlichte einen umfassenden Beitrag: hier.

Zwischengeschlecht.org: „STOP Genitalverstümmelung in Kinderkliniken!“

In Tübingen fanden Proteste gegen die Genitalverstümmelungen an Intersexuellen statt. Informationen finden sich auf zwischengeschlecht.info und zwischengeschlecht.org. Außerdem findet vom 7.-9.10. die Inter*Tagung in Berlin ein, bei der es auch einen öffentlichen teil gibt, zu dem alle Interessierten eingeladen sind. Mehr Infos hier.

Der Napoleonfisch und das Geschlecht: Eine bedrohte Tierart

U.a. weil „der Napoleonfisch im Alter sein Geschlecht von weiblich zu männlich wechselt“ ist er durch Fischfang bedroht. „Dadurch ist er anfällig für größen- bzw. geschlechtsabhängige Befischung. Dies kann zu einem Ungleichgewicht im Geschlechterverhältnis führen und die Reproduktionsfähigkeit einer Population stark einschränken.“ Der gute Beitrag findet sich hier, bei taucher.net.