Archiv für Mai 2011

Vortrag zum nachhören: „Queer & Kapitalismuskritik“ („“Geschlecht und kapitalistische Produktionsweise“)

Da weiterführende Debatten zur Verbindung von Queer und Kapitalismuskritik sehr notwendig sind, ist es sehr schön, dass audioarchiv.blogsport.de einen diesbezüglichen Vortrag mitgeschnitten und zugänglich gemacht hat.

Der Vortrag „Queer & Kapitalismuskritik“ („Geschlecht und kapitalistische Produktionsweise“) fand im Rahmen der von der AG queer Weimar organisierten Veranstaltungswoche zum Internationalen Tag gegen Homophobie statt.

Hier kann man sich den Vortrag herunterladen und anhören.

Aktuell weiterlesen (August 2013):
Buch “Queer und (Anti-)Kapitalismus” (von Heinz-Jürgen Voß / Salih Alexander Wolter; Stuttgart 2013: Schmetterling Verlag)

Für die Diskussion in der Sekundarstufe II – der Bildungsserver Hessen zu „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“

Auf dem Bildungsserver Hessen :: Unterrichtsmaterial :: Online-Lernarchiv wird „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“ für Diskussionen im Unterricht der Sekundarstufe II empfohlen. Dort heißt es u.a.: „Voß bestreitet, dass biologische Geschlechgtertrennung vorgegeben sei. Dies ist der Ansatzpunkt für Diskussionen in der Sekundarstufe II in Philosophie-, aber auch in Politik- und Biologiekursen. Das Buch breitet eine große Fülle von Informationen aus und bietet sich für fortgeschrittene SchülerInnen und Lehrkräfte als Quelle und Hintergrundmaterial am ehesten für arbeitsteilige Arbeit (z.B. zu verschiedenen theoretischen Ansätzen, zur Auseinandersetzung aus biologischer Perspektive …)“ Die vollständige Besprechung findet sich hier.

Eine Übersicht der bisher erschienen Rezensionen findet sich hier.

Mythen im Geschlechterdiskurs – eine Online-Argumentationshilfe

Ich möchte Euch gern auf eine Argumentationshilfe der Friedrich-Ebert-Stiftung gegen antifeministische Argumentationen hinweisen. So einige der antifeministischen Argumentationsweisen werden in den Blick genommen und zurückgewiesen – und damit lohnt sich ein Blick in die Broschüre. Hier ist sie online. Und am 30. Mai findet in Berlin eine nette Veranstaltung dazu statt.

Motion, German Bundestag: „safeguarding the rights of intersex people“

Here you will finde the english version of motion „safeguarding the rights of intersex people“ submitted by the Alliance 90/The Greens parliamentary group.

(Die deutschsprachige Version findet sich hier verlinkt und hier als pdf-Datei.)

Protest angekündigt: Wenn Mediziner über „Fehlbildungen“ reden – Symposium „Disorders of Sex Development“ vom 20. bis 22. Mai in Lübeck

In Lübeck findet vom 20. bis 22. Mai das dritte Symposium on Disorders of Sex Development („…über Störungen der Geschlechtsentwicklung“) statt. Es treffen sich Wissenschaftler/innen des europäischen Netzwerks Disorders of Sex Development, das Prof. Olaf Hiort (Lübeck) seit drei Jahren leitet und das von der Europäischen Kommission mit einer Fördersumme von drei Millionen Euro gefördert wird. Proteste gegen die Tagung sind angekündigt.

In der Ankündigung der Tagung werden zwar die „medizinischen“ Behandlungen von Kleinkindern uneindeutigen Geschlechts problematisiert – diese Behandlungen stehen von Seiten der betroffen gemachten Menschen seit den 1990er Jahren massiv in der Kritik. In der Ankündigung heißt es: „Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung sind seltene, meist vererbbare Fehlbildungen der Hoden, Eierstöcke oder der äußeren Geschlechtsmerkmale. Die Ursache lässt sich bislang nur bei etwa der Hälfte der Patienten herausfinden. Bei betroffenen Kindern müssen oftmals schwierige Entscheidungen getroffen werden, in welchem Geschlecht die Kinder aufwachsen und welche Behandlungen vorgenommen werden sollen. Früher wurde oftmals auf Geheimhaltung gedrängt, und es wurden frühe radikale Operationen durchgeführt. Diese Umgangsweisen und Behandlungsmethoden sind zu recht kritisiert worden.“

Aber von diesen Behandlungsmethoden wurde bis heute nicht grundsätzlich abgerückt. Genau wie auch die Sprache bleibt: Es wird von „Fehlbildungen“ gesprochen, da wo (vermeintlich) nicht so häufige Ausbildungen des Genitaltraktes gemeint sind. Menschen werden also nach wie vor nicht in ihren individuellen Merkmalen beschrieben, dort wo nötig ggf. ein lebens- oder gesundheitsbedrohlicher Zustand behandelt, sondern es wird eine geschlechtliche Norm aufgebaut – interessanter Weise gerade über die „Fehlbildungen“. Werden wir doch endlich tolerant – auch in Biologie und Medizin! (In der Biologie und Medizin der 1920er Jahre war vielen Wissenschaftlern bewusst, dass ihre Modell- und Theoriebildungen eine massive Abstraktion bedeuten und der sich tatsächlich bei Menschen zeigenden – auch geschlechtlichen – Vielfalt bei Menschen nicht gerecht werden. Helga Satzinger legte in „Differenz und Vererbung“ sehr gut dar, wie verbunden mit dem deutschen Faschismus, solche auf Vielfalt orientierenden Ansichten aus der Forschung verdrängt wurden und sich simpelste Theorien durchsetzten. Die entstandene Lücke zu den konkurrierenden Theorien konnte nach 1945 nicht wieder aufgeholt werden; erst seit den 1980er Jahren rückt Komplexität wieder etwas mehr in den Blick.)

Interessant ist aber immerhin, dass selbst Hiort darauf verweist, dass nur bei etwa der Hälfte der Untersuchten eine „eindeutige Diagnose“ gestellt werden kann. So schließt auch Hiort die Einladung zur Tagung mit den Worten, dass mit den von ihm durchgeführten weiteren Hormonuntersuchungen mehr Einblicke in die Geschlechtsentwicklung zu erwarten wären. Doch: Hormone werden seit nunmehr etwa 100 Jahren im Hinblick auf Geschlechtsentwicklung untersucht, Günter Dörner aus der DDR stand massiv in der Kritik, weil er sie mit der Entwicklung von (Homo)Sexualität in Verbindung gebracht hatte – er rückte später selbst von dem Standpunkt ab und erhielt für seine Forschungen und Lebensleistung das Bundesverdienstkreuz der BRD… Es stellen sich andere Fragen: Warum konnten über so lange Zeit keine eindeutigen Mechanismen der Geschlechtsentwicklung beschrieben werden? Warum muss ein Forschungsprojekt dennoch so aufgehübscht werden, dass nun in den nächsten wenigen Jahren nennenswerte Erkenntnisse zu erhalten wären? – sicherlich um die nächste Förderung rechtfertigen zu können.

Links: Euro-DSD; Pressemitteilung beim IDW.

Ein Überblick über Forschungen der Geschlechtsentwicklung, mit einem verlinkten Aufsatz. Dort finden sich auch Tipps zum Weiterlesen.

Natasha Walters Buch „Living Dolls“ zu populärem biologischen Glauben

Erfrischend ist das Buch „Living Dolls: Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen“ (ISBN 9783810523778, 19,95 EUR); und die Autorin Natasha Walter wendet sich darin auch Theorien des oft propagierten biologischen Determinismus zu. Sie rezipiert Metastudien, befragte eigens Wissenschaftler_innen und kommt zu dem Schluss, dass das populär vermittelte Bild deutlicher geschlechtlicher Sprachunterschiede und deutlicher Differenzen im logischen Denken wissenschaftlich nicht haltbar ist und dass selbst Hormone als Ursache ausfallen. Hier nun kurz zu den entsprechenden Betrachtungen in „Living Dolls“:

Sprache: „Mark Liberman ist Phonetikprofessor und schreibt einen witzigen, geistreichen Blog namens Language Blog. Gleich nach dem Erscheinen von Brizendines Buch [in deutscher Sprache: „Das weibliche Gehirn“, Anm. HV] erblickte er ein Exemplar in einem Buchladen.“ (S.206) Er ging den Verweisen im Buch nach und folgerte: „Ich las das Buch und prüfte die Quellenangaben. Ich war überrascht – das Buch nimmt reichlich Bezug auf wissenschaftliche Literatur, doch an den Stellen, die ich nachschlug, stützten die zitierten Quellen die umstrittenen Behauptungen des Textes kaum oder gar nicht.“ (Liberman, nach: Walter 2011: S.207) So erwies sich die Behauptung von Brizendine, nach der eine Frau 20.000 Wörter pro Tag, ein Mann hingegen nur 7.000 Wörter pro Tag spreche, als nicht haltbar. So untersuchte eine Forschungsgruppe um Mathias Mehl (Arizona University) die sprachlichen Äußerungen von 400 Menschen – und kam zu ganz anderen Ergebnissen, nämlich, „dass es diesbezüglich keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen Männern und Frauen gab. Frauen sprachen im Durchschnitt etwas mehr als 16.000 Wörter täglich, Männer etwas weniger, doch der Unterschied war statistisch nicht aussagekräftig.“ (S.207) Eine Metaanalyse, die die Ergebnisse von 165 Studien zu sprachlichen Fähigkeiten zusammenfasste, kam zu winzigen geschlechtlichen Unterschieden, hingegen zu großen innerhalb eines Geschlechts selbst: „Die Sprachfähigkeiten variieren innerhalb jedes Geschlechts in riesiger Bandbreite, doch zwischen den Geschlechtern bestand kaum ein Unterschied.“ (S.209)

Mathematik / logisches Denken: …“Eine Studie in den USA untersuchte jüngst die Ergebnisse von sieben Millionen Schülern in zehn Bundesstaaten und stellte fest: ‚Jetzt, wo die Anmeldungszahlen für Kurse in höherer Mathematik ausgeglichen sind, treten keine [geschlechtlichen, Anm. HV] Unterschiede in der Testleistung auf.“ (S.220)

Hormone: Sowohl zu Oxytocin, das aktuell für emotionales Verhalten populär als ursächlich beschrieben wird, bespricht Walter den keineswegs eindeutigen Forschungsstand, als auch für Testosteron. Hier kurz zu Testosteron in einer Studie, wiederum nach Walter: „43 gesunde Männer bekamen über zehn Wochen entweder eine hohe Dosis Testosteron oder ein Placebo verabreicht. Die Männer, welche unwissentlich das Hormon erhielten, erlebten sich nach eigenen Angaben nicht reizbarer als sonst. Laut Beurteilungen von Beobachtern, darunter Eltern und Ehefrauen, zeigten sich auch keine Veränderungen von Affektivität oder Verhalten hin zu mehr Wut oder Agressionsbereitschaft. In einer zweiten Studie dagegen erhielten die Teilnehmer ein Placebo und zusätzlich die Information, es sei Testosteron. Daraufhin berichteten die Männer von stärkerer Wut, Reizbarkeit und Impulsivität.“ (S.233) Der „Glaube“ an Wirkung scheint also bedeutsam zu sein… Auch zur frühen Wirkung von Testosteron in der Embryonalentwicklung zeigten Studien äußerst widersprüchliche Ergebnisse – und, dass sei hier kurz erwähnt wirkt Testosteron embryonal auf alle Embryonen – sowohl auf „Mädchen“, als auch auf „Jungen“. Sowohl bei „Mädchen“, als auch bei „Jungen“ können dabei sehr hohe Testosteron-Werte wirken, keinesfalls mit den populär so gern angenommenen Auswirkungen.

Also die Lektüre von Walters Buch lohnt auch bezüglich biologischer Voreingenommenheiten. Geschlechtliche Unterschiede erweisen sich aus ihrem Blick in die Wissenschaftsliteratur und aus Ihren Befragungen von Wissenschaftler_innen nicht als biologisch determiniert (vorgegeben), sondern als Resultat gesellschaftlicher Behandlung. Die Aussagen sind jeweils mit Quellen belegt – und es sei angeregt, auch einen Blick in diese zu werfen.

Als – populär aufgearbeiteter – umfassender reflektierender Blick auf Forschungen zu Geschlechterdifferenzen und -gleichheiten bzgl. des Gehirns und der Gehirnleistung zu empfehlen ist das von Neurowissenschaftlerinnen herausgegebene Buch: „Warum Frauen glauben, sie könnten nicht einparken und Männer ihnen Recht geben. Über Schwächen, die gar keine sind“ (ISBN 3423344008; gebraucht ab 4 EUR).

„…zur Sicherheit das schwarz-pinke Büchlein in die Hosentasche stecken…“ Rezension von „Geschlecht“ bei ladyfestgreifswald.blogsport

Gern möchte ich Euch auf eine weitere Rezension zu „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“ aufmerksam machen, erschienen auf ladyfestgreifswald.blogsport.de.

In der längeren Besprechung folgert die_ Rezensent_in u.a.: „Voß fordert zum Schluss sich selbst und alle anderen auf, an die Utopie einer gerechten Gesellschaft zu glauben, und dafür in diesem Moment tätig zu werden. Das tut gut nach einem Exkurs durch die entwicklungsreichen Jahrhunderte der Gesellschaftskritik, Biologie und Genetik. Das rüttelt wach, holt uns in die Realität und bringt zum Überdenken des eigenen Tuns. Mensch kann ja zur Sicherheit das schwarz-pinke Büchlein in die Hosentasche stecken, um für Diskussionen aller Art („Aber Frauen haben doch nun mal nicht so viele Muskeln wie Männer!“, „Aber es sind schon immer Männer jagen gegangen und Frauen haben Kinder bekommen“, „Aber es gibt nun mal bestimmte Gene, die für die Ausbildung eines bestimmten Geschlechtes zuständig sind.“…) mit Argumenten und weitreichender Sicht ausgerüstet zu sein.“ Die gesamte Rezension findet sich hier.

Und hier findet sich eine Übersicht über alle bislang erschienenen Rezensionen.

Die neue, wunderbare „Hugs and Kisses“ ist da …mit dabei: eine Rezension von „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“

Die wunderschöne aktuelle „Hugs and Kisses“ (Nr. 7, April 2011) ist da! Ihre Artikel sind dabei auch diesmal locker geschrieben und gut recherchiert – und sie ist wieder reich bebildert und hält ein nettes Gimmick bereit… Erhältlich ist sie in verschiedenen Buchhandlungen und im Eigenvertrieb bei „Hugs and Kisses“ ;-)

Darin auch eine knackige Besprechung von „Geschlecht: Wider die Natürlichkeit“. Didine van der Platenvlotbrug hebt dabei zunächst die Reihe theorie.org als gute Einführungsreihe hervor: „Die Buchserie theorie.org ist eine kleine, aber feine Reihe handlicher Abhandlungen zu diversen Themen aus linker Sicht.“ Zu dem Band Geschlecht schließt sie an: „Dieses Büchlein ist vieles in einem: Es dient als schnelle Theorie-Übersicht zu Butler und Co, bringt einige spannende Gedanken zu biologischen Thesen oder Nicht-Thesen und stellt aktuelle Diskursströme dar – eine ganze Menge für so ein kleines Buch. Das Schöne: Es bleibt sehr lesbar und bietet für wissenschaftlich Interessierte einen tollen Einstieg!“ Und hier die ganze Rezension (Lieben Dank an die Redaktion für das Einverständnis!).

Eine Übersicht der bisher erschienen Rezensionen findet sich hier.