Archiv für April 2011

SRY als Schlüsselgen der Hodenentwicklung und der Geschlechtsentwicklung?

Lange Zeit war eine Sicht verbreitet, dass das Gen SRY den wesentlichen Faktor bei der Ausbildung von Hoden und insgesamt des Genitaltraktes darstelle – entsprechend wurde es auch benannt: „sex determining region Y“ bzw. „Geschlechtsdeterminierende Region Y“. Bereits Anfang der 1990er Jahre musste diese Sicht revidiert werden, aber noch immer hält sie sich in populären Ansichten.

Im Folgenden stelle ich einen kurzen populär verständlichen Artikel zur Verfügung, der die Bedeutung von SRY als vermeintliches Schlüsselgen der Geschlechtsdetermination (so bezeichnet werden die ersten Phasen der Geschlechtsentwicklung) diskutiert und andere Konzepte vorschlägt. Der Artikel ist im Dezember 2009 in der Zeitschrift „Gen-ethischer Informationsdienst“ (spezial) erschienen – ich danke der Redaktion herzlich für die Genehmigung der Veröffentlichung!
„Angeboren oder entwickelt? Zur Biologie der Geschlechtsentwicklung“

Ausführliche Darstellungen, bei denen alle bislang diskutierten Faktoren der Geschlechtsdetermination diskutiert werden, finden sich in dem Buch „Making Sex Revisited“.

Dass Tiere Sex nur zu Zwecken der Fortpflanzung betrieben, sei kompletter Unsinn. Es „ist wohl eindeutig, dass all das hier viel mit Spaß zu tun hat.“

Immer wieder kommt die Frage nach „Homosexualität“ bei den verschiedenen Tierarten auf. Wenn es auch nicht geht, den Begriff „Homosexualität“ auf andere Tierarten als den Menschen anzuwenden (sie verweist auf eine Identitätsform, die sich seit dem 19. Jahrhundert etablierte), so konnte doch bereits bei vielen Tierarten gleichgeschlechtliches Verhalten gezeigt werden, dass auch nicht einfach auf Sex reduziert werden kann. 2007 gab es hierzu im Naturhistorischen Museum der Universität Oslo eine interessante Ausstellung, die auch touren soll – vielleicht ist sie auch einmal in der Bundesrepublik Deutschland zu sehen.


Delphine bei der Penetration des Atemloches, Quelle.

Interessant ist sie allemal: So gaben die Organisator_innen in Interviews an, die auch in der deutschsprachigen Presse weite Verbreitung fanden, dass bspw. 80% der Zwergschimpansen „bisexuell“ seien, dass 20% der Möwen „homosexuell“ seien und dass bei 40% der Zwergkakadus „homosexuell“ seien. Insgesamt konnte bislang bei 1500 Tierarten gleichgeschlechtlicher Sex gezeigt werden. Interessant ist dies allemal, wird doch damit die verbreitete These widerlegt, dass Tiere nur Sex zu zwecken der Fortpflanzung hätten. «Wir wissen ja nicht, was sie denken. Aber es ist wohl eindeutig, dass all das hier viel mit Spaß zu tun hat.», so Petter Bøckman.

Ein paar Eindrücke der Ausstellung gibt es hier:
Netzeitung: Schwule Tiere – natürlich nicht unnatürlich.
Sächsische Zeitung Online: Neues zur schwulen Liebe unter Tieren.
n-tv Online: Homosexuelle Tiere“Wider die Natur?“

Wissenschaftlich fundiert kann man hier weiterlesen:
Bruce Bagemihl (1999): Biological Exuberance: Animal Homosexuality and Natural Diversity. St. Martin’s Press (Hardcover).
Joan Roughgarden (2004 / 2009): Evolution’s Rainbow: Diversity, Gender, and Sexuality in Nature and People. University of California Press.
Smilla Ebeling (2006): Alles so schön bunt. Geschlecht, Sexualität und Reproduktion im Tierreich. In: Ebeling, Kirsten Smilla, Schmitz, Sigrid (Hrsg.): Geschlechterforschung und Naturwissenschaften – Einführung in ein komplexes Wechselspiel. Wiesbaden. VS Verlag.

Lesenswerter Kommentar bei genderqueer: „Frauen mit “zu viel Testosteron” werden aus Profi-Sport ausgeschlossen“

Genderqueer.de hat mit Verweis auf naturenews einen deutlichen und guten Kommentar veröffentlicht: Warum werden nicht Menschen vielfältiger Merkmale beim Sport zugelassen?

Auch Anne Fausto-Sterling hat u.a. in „Gefangene des Geschlechts“ deutlich geziegt, wie unterschiedliche Leistungen von Frauen und Männern auf unterschiedliche Trainingsbedingungen zurückzuführen sind. So wurde Frauen beim Marathon eine vergleichbare Leistung zu der der Männer abgesprochen – entsprechend durften sie erst seit den 1960er Jahren an Wettkämpfen teilnehmen und hat sich seitdem der Abstand radikal von mehr als einer Stunde, auf 10 Minuten reduziert (- wohlgemerkt bei den Weltrekordler_innen im Spitzensport, Menschen die nicht so trainieren, sind selbstverständlich weit davon entfernt bzw. schaffen die Strecke nicht einmal). Plastisch führt Fausto-Sterling aus, dass bei gleicher Sozialisation von früh an, gleiche Trainingsleistungen erreicht würden.

Auch bei naturenews wird auch diese Frage benannt – und werden unterschiedliche Sichtweisen deutlich:

Why not accept different androgen levels as natural genetic variation?
Some experts, including Genel, argue that, as other kinds of physiological variation, such as height or oxygen-carrying capacity, are accommodated in sport, perhaps natural variations in hormone levels should be accepted too. Others, such as Collins, argue that androgen levels are the main reason for the difference in men and women’s sporting performance, and so it makes sense to take these levels into account when deciding eligibility.
Collins and Genel agree, however, that despite the high numbers of female elite athletes with AIS, there isn‘t any direct evidence that such disorders give them an unfair advantage. „It’s impossible to test,“ says Collins.“

Und ein früherer Beitrag zum weiterlesen.

Antrag im Bundestag: Grundrechte von intersexuellen Menschen wahren

Bündnis 90 / Die Grünen haben im Bundestag einen richtungsweisenden Antrag eingebracht, der die Rechte von Intersexuellen stärken und die derzeitige gewaltätige und menschenverachtende Behandlungspraxis überwinden will. Damit knüpfen Bündnis 90 / Die Grünen an Initiativen der Bundestagsfraktion Die.Linke an.

Der Antrag im Wortlaut: (English version: „safeguarding the rights of intersex people“)

Der Bundestag wolle beschließen:
Intersexuelle Menschen sollen als ein gleichberechtigter Teil unserer vielfältigen Gesellschaft anerkannt und dürfen in ihren Menschen- und Bürgerrechten nicht eingeschränkt werden. Als intersexuell werden Menschen bezeichnet, bei denen Chromosomen und innere oder äußere Geschlechtsorgane nicht übereinstimmend einem weiblichen oder männlichen Geschlecht zugeordnet werden können oder die in sich uneindeutig sind. Wissenschaftlichen Studien zufolge werden in Deutschland etwa 150 bis 340 Kinder pro Jahr geboren, die als intersexuell klassifiziert werden können. Die Gesamtzahl der Betroffenen mit schwerwiegenderen Abweichungen der Geschlechtsentwicklung liegt nach Angaben der Bundesregierung bei etwa 8.000 bis 10.000 (BT-Drs. 16/4786). Die Verbände der Intersexuellen sprechen allerdings von einer deutlich höheren Zahl der Betroffenen. Trotz dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse ignoriert die deutsche Rechtsordnung die Existenz intersexueller Menschen, die sowohl juristisch als auch gesellschaftlich ausgegrenzt bleiben.

Der Bundestag fordert die Bundesregierung daher dazu auf,
· die Allgemeine Verwaltungsvorschrift zum Personenstandsgesetz so zu ändern, dass ein Geschlechtseintrag in der Geburtsurkunde auch der Existenz von intersexuellen Menschen Rechnung tragen kann;
· einen Gesetzentwurf vorzulegen, wonach die gesetzlichen Grundlagen für offizielle statistische
Erhebung so geändert werden, dass bei der Angabe „Geschlecht“ nicht nur zwei Antworten
möglich sind;
· sicherzustellen, dass das prophylaktische Entfernen und Verändern von Genitalorganen auch
bei intersexuellen Kindern unterbleiben soll;
· gemeinsam mit den Ländern ein unabhängiges Beratungs- und Betreuungsangebot für betroffene Kinder, deren Eltern, betroffene Heranwachsende und Erwachsene, zu schaffen und dabei die Beratungs- und Selbsthilfeeinrichtungen der Betroffenenverbände einzubeziehen; F 142/112
· gemeinsam mit den Ländern eine Beratungsstelle für die Angehörigen der beteiligten Gesundheitsberufe (Ärztinnen und Ärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Hebammen etc.) zur medizinischen, psychologischen und gesellschaftlichen Aufklärung über das Thema Intersexualität einzurichten;
· den Dialog mit den zuständigen Bundes- und Landeskammern der Ärzte und Psychotherapeuten sowie der Hebammenverbände aufzunehmen, mit dem Ziel das Curricula in Ausbildungsund Prüfungsordnungen um das Thema Intersexualität, in den ebenso Perspektive der intersexuellen Menschen vorkommt, zu ergänzen und es verstärkt im Rahmen von Fort- und Weiterbildungsangeboten zu berücksichtigen;
· bei den Ländern darauf hinzuwirken, dass das Thema Intersexualität ein fester Bestandteil des
Schulunterrichts, beispielsweise in den Fächern Biologie, Sozialkunde oder Ethik wird;
· bei den Ländern darauf hinzuwirken, dass die Fristen für die Aufbewahrung der Krankenakten
bei Operationen im Genitalbereich auf 30 Jahre ab Volljährigkeit verlängert werden;
· weitere wissenschaftliche interdisziplinäre Forschungen zum Thema Intersexualität mit einem
interdisziplinären Ansatz und auch unter Beteiligung von Kultur-, Gesellschaftswissenschaften
wie der Betroffenenverbände zu fördern.

Berlin, den 7. April 2011

Der vollständige Antrag mit samt der Antragsbegründung findet sich hier.

…soviel zu „gleichgeschlechtlicher“ und „gegengeschlechtlicher“ Kopulation bei Fröschen…

„Denn um die Gelegenheit zur Paarung nicht zu verpassen, stürzen sich
die Männchen vieler Froschlurcharten normalerweise auf fast alles,
was etwa die Größe eines Weibchens hat. Bei ihrer Suche umklammern
sie deshalb auch andere Männchen und nicht selten sogar Bierdosen
oder tote Fische. Bei Rana arvalis wolterstorffi sind Fehlpaarungen
mit Männchen selten; als Grund kommt aus Sicht der Forscher nur das
Blau infrage, das offenbar vor solch vergeblicher Liebesmüh schützt.“

(Quelle: http://www.firmenpresse.de/pressinfo233069.html)

Beitrag in der Geo.

Bereits Ende Februar besprach Ferdinand Knauß das Buch „Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive“

Auf seinem Blog „Geschlechtsverwirrung“ diskutiert Ferdinand Knauß das Buch und würdigt u.a.: „Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Dissertation eines jungen Vertreters der Gender & Science Studies. Heinz-Jürgen Voß hat Biologie studiert, wurde aber von dem Soziologen Rüdiger Lautmann promoviert. Finanziell unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung der Linkspartei will Voß in seiner Arbeit den Nachweis geführt haben, dass es auch aus biologischer Perspektive kein „natürliches Geschlecht“ gebe. 26) Die molekularen Prozesse in Embryonen zeigten, so Voß, dass auch biologisch nicht nur zwei, sondern „viele Geschlechter“ denkbar seien. Ob Voß’ Darstellung unter rein epigenetischer Perspektive zutreffend ist oder nicht, das vermag ich nicht zu beurteilen. Es ist jedenfalls kein Geheimnis, dass der Mensch keine absolut und ausnahmslos geschlechtsdimorphe (zweigestaltige) Art ist, weder bezüglich der Zusammensetzung der Chromosomen, noch in Bezug auf Hormonhaushalt, Geschlechtsdrüsen oder äußere Sexualorgane. […] Der biologische Sinn von Männlichkeit und Weiblichkeit, ob bei Butterblumen, Wühlmäusen oder Menschen liegt in der Fortpflanzung. Wer die Ausbildung weiterer, unfruchtbarer Geschlechter zum Normalfall erklärt, muss dafür eine evolutionäre Erklärung anbieten können. Das tut Voß nicht. Wie könnte er es auch?“ Die vollständige Rezension findet sich hier.

Eine Übersicht über die erschienenen Rezensionen findet sich hier. Sie sind meist im Volltext zugänglich.

Stefan Micheler rezensierte „Making Sex Revisited“ in der Invertito

In der Invertito – Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten (Heft neu im Buchhandel: Nr.12, S.163-166) ist eine neue Rezension von „Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive“ erschienen. Stefan Micheler urteil u.a.: „Damit liefert [Voß] eine breit angelegte Studie, die die gerade in der Queer Theory grundlegende These der Konstruktion des biologischen Geschlechts in den neuzeitlichen und modemen Fachdisziplinen dezidiert zu bestätigen vermag. […] Insgesamt sind die historischen Teile der Studie sehr materialreich, aber überwiegend deskriptiv. Für mich wäre eine klarere Betrachtung und Systematisierung der Werke unter expliziten Fragestellungen oder Einzelaspekten hilfreich gewesen. So konnten meine Blicke nur Streiflichter sein. Eine stärkere Auswertung und Einordnung hätten das Dargelegte greifbarer und bewertbarer gemacht.“ (Stefan Micheler, Invertito – Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten, 12, S.163-166)

Eine Übersicht über die erschienenen Rezensionen findet sichhier. Sie sind meist im Volltext zugänglich.