Archiv für Dezember 2010

Simone de Beauvoir: „Die so ‚weiblichen‘ kleinen Mädchen sind fabriziert und nicht geboren! Zahlreiche Untersuchungen beweisen es!“

„Keine biologische […] Bestimmung legt die Gestalt fest, die der weibliche Mensch in der Gesellschaft annimmt.“ (Beauvoir, „Das andere Geschlecht“, 2008 [1949]: 334)

Dieses Zitat aus „Das andere Geschlecht“ ist vielen bekannt. Beauvoir wendet sich in diesem Buch deutlich gegen die Vorannahme, dass es „natürliche“, biologische Geschlechter gebe. Sie führt aus, dass es aktuell in dieser Gesellschaft „Frauen“ und „Männer“ gibt, wobei „Frauen“ gegenüber „Männern“ benachteiligt sind, diskriminiert werden und in der patriarchalisch organisierten Gesellschaft Gewalt erfahren. Deutlich wird, dass es notwendig ist, etwas gegen diese Diskriminierungen und die Gewalt zu tun! Gleichzeitig macht Beauvoir klar, dass nur weil aktuell in dieser Gesellschaft zwei Geschlechter unterschieden werden, man diese nicht zu „Ewigkeiten“, sie nicht als „natürlich“ erklären dürfe. Dieser Punkt ist gerade in der deutschsprachigen Rezeption oft runtergefallen – aber es sind beide Perspektiven notwendig, um konsequent und dauerhaft Diskriminierungen und Gewalt, die in der Geschichte westlicher Gesellschaften ja so stark mit Geschlecht verknüpft sind, zu überwinden.

Beauvoir hebt in einem Interview aus dem Jahr 1976 noch einmal deutlich hervor: Die „‚weiblichen‘ Qualitäten sind also nicht angeboren, sondern resultieren aus unserer Unterdrückung. Aber wir könnten sie auch nach der Befreiung bewahren – und die Männer müssten sie erlernen. Aber man darf nicht ins andere Extrem fallen: sagen, die Frau habe eine besondere Erdverbundenheit, habe den Rhythmus des Mondes und der Ebbe und Flut im Blut und all dieses Zeug … Sie habe mehr Seele, sei von Natur aus weniger destruktiv et cetera. Nein! Es ist etwas dran, aber das ist nicht unsere Natur, sondern das Resultat unserer Lebensbedingungen. Die so ‚weiblichen‘ kleinen Mädchen sind fabriziert und nicht geboren! Zahlreiche Untersuchungen beweisen es! Eine Frau hat a priori keinen besonderen Wert, nur weil sie Frau ist! Das wäre finsterster Biologismus und steht in krassem Gegensatz zu allem, was ich denke.“ (Beauvoir in: „Simone de Beauvoir heute. Gespräche aus zehn Jahren.“ 1986 [1983]: 77)

In diesem Sinne sei Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ hier einmal allen wärmstens zur Lektüre empfohlen – gerade nach den neuerlichen Anregungen von Judith Butler nach 1990 werden einige Passagen neu lesbar und verständlicher.

Neue Rezensionen von MSR in Zeitschrift GENDER, Freiburger Geschlechterstudien und auf suite 101

Es sind weitere Rezensionen von „Making Sex Revisited“ erschienen:

In Gender – Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft schreibt Verena Schuh u.a.: „Aufgrund der guten Strukturierung und der ausführlichen Darlegung wird es der lesenden Person leicht gemacht, sich ein Bild über die naturwissenschaftliche Landschaft und ihre Entwicklung zu machen. […] Kurzum, ‚Making Sex Revisited‘ ist eine Wohltat, bietet Ansätzen kritischer Gender Studies breite Anschlusspunkte, ist erkenntnisreich und spannend zu lesen.“ (Verena Schuh, GENDER, 3/2010, S.157-159; die gesamte Rezension ist hier online)

In den Freiburger Geschlechterstudien schreibt Caroline Günther u.a.: Bei Making Sex Revisited handelt es sich „um eine wissenschaftlich fundierte, übersichtlich strukturierte und dezidiert sowie reflektiert durchgeführte empirische [Arbeit].“ (Caroline Günther, Freiburger Geschlechterstudien, 24/2010, S.353-356; die Rezension ist hier online)

Und auf suite101 schreibt Tina Pruschmann u.a.: „Voß zeigt […] dass es gute Gründe gibt, […] männlich-weiblich nicht als ein Entweder-oder zu beschreiben, sondern als ein Sowohl-als-auch […] Der Autor legt mit der Untersuchung ‚Making sex revisited‘ eine akribisch recherchierte und sich auf allen Ebenen reflektierende Arbeit vor, die sich vor allem durch eine durchgehend sensible und sehr präzise Sprache auszeichnet.“ (Tina Pruschmann, www.suite101.de, hier online)

Eine Übersicht über die bisher erschienenen Rezensionen findet sich: hier.

Eine Vorschau des Buches findet sich auf der: Verlagsseite.

Noch ein Hinweis: Auch zum Buch „Kritik mit Methode? Forschungsmethoden und Gesellschaftskritik“, mit so einigen exzellenten Beiträgen u.a. zu Diskursanalyse, finden sich nun einige Rezensionen. Eine Übersicht gibts: hier.

Film zum Download: „Doktorspiele“ – oder: Welches Geschlecht hat Mutti Natur?

Film \"Doktorspiele\": Welches Geschlecht hat \'Mutti\' Natur?

Bereits etwas her ist eine schöne Veranstaltung der Homoelektrik Leipzig. Dabei herausgekommen und mit zum Einsatz kam ein eigens gedrehter Film, der sich kritisch mit Geschlecht und Biologie auseinandersetzt. Der Film steht kostenlos zum Download bereit und eignet sich bestens für den Einsatz im Schulunterricht und in der Lehre im Studium. Es lässt sich mit ihm anschaulich die Diskussion eröffnen, wie Geschlecht gemacht wird.

„Doktorspiele“ oder: „Welches Geschlecht hat Mutti Natur?“ --> zur Download-Seite