Geschlecht: alles biologisch? Auch aus biologischer Sicht gibt es mehr als zwei Geschlechter

Hier nun ein kurzer einführender Text in das Buch „Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive“. Er ist in der Zeitschrift Analyse & Kritik (Nr. 547) erschienen – und ich danke herzlich für das Einverständnis zur Online-Veröffentlichung!

Alles bio? Auch aus biologischer Sicht gibt es mehr als zwei Geschlechter

Was für „gesellschaftliches Geschlecht“ (gender) verbreitete Annahme ist – nämlich, dass es gesellschaftlich hergestellt ist –, ist für „biologisches Geschlecht“ (sex) hoch umstritten. So erntete Judith Butlers bereits 1990 erschienenes Buch „Gender trouble“ breite Kritik. Nach Butler werden auch körperliche Merkmale erst durch eine gesellschaftliche Brille gelesen. Auch deren Beschreibungen unterlägen gesellschaftlichen Deutungen, die die Wahrnehmungen prägen würden. Das, was an körperlichen Merkmalen benannt wird, wie es benannt wird und wie es mit weiteren Deutungen belegt wird, sei bereits gesellschaftlich beschränkt und beschränke sich daran anschließende Deutungsmöglichkeiten.

Kritik erntete dieser Ansatz zunächst aus einer anderen feministischen Richtung, die zwar gewillt war, gender als gesellschaftlich hergestellt anzuerkennen, sex jedoch als vorausgesetzten Unterschied abgetrennt hatte. Für diese Gegenwehr gab es gute Gründe: Gerade mit der Aufspaltung in gender und sex war es feministischen Bewegungen gelungen aufzuzeigen, dass Beschreibungen der Differenz „weiblicher“ und „männlicher“ Körper nicht herangezogen werden dürften, um eine gesellschaftliche Ungleichbehandlung von „Frauen“ und „Männern“ zu begründen. Beschrieben diese Ansätze „biologisches Geschlecht“ auf der einen Seite als vorgegeben und unabänderlich, sahen sie auf der anderen Seite gesellschaftliche Ungleichbehandlungen, die schlechten Zugänge von Frauen zu lukrativen und prestigeträchtigen Positionen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft als Produkte gesellschaftlicher Benachteiligungen.

Durchaus berechtigte Bedenken aus dieser Richtung bezogen sich darauf, wie denn Benachteiligungen von Frauen, wie unterschiedliche Behandlungen von Frauen und Männern in der Gesellschaft noch beschrieben werden sollten, wenn es Frauen und Männer als Subjekte, als überzeitliche Kategorien nicht mehr gäbe. Notwendig ist jedoch beides: einerseits das klare Benennen differenter Behandlungen von Frauen und Männern in der Gesellschaft, um Benachteiligungen und Bevorteiligungen entgegentreten zu können, andererseits die Wahrnehmung sowohl von gesellschaftlichem als auch biologischem Geschlecht als gesellschaftlich hergestellte und veränderbare Kategorien.

Judith Butlers Ansatz reicht nicht weit genug

Die im folgenden dargelegte Kritik an Butlers Ansatz bezieht sich jedoch darauf, dass er nicht weitreichend genug ist. Butler verblieb auf der Ebene von „Erscheinungen“, auf der Ebene performativer Herstellung. Butler führte exzellent aus, dass Merkmale, dass Körper erst in Gesellschaft gelesen werden und dass damit geschlechtliche Deutungen auch gesellschaftliche sind. Diese These ist durch die historischen Arbeiten von Thomas Laqueur, Londa Schiebinger und Claudia Honegger gut belegt – so wandelten sich zeitlich die körperlichen (physiologischen und anatomischen) Merkmale, die als geschlechtlich gelesen wurden. Lange Zeit wurden weibliche und männliche Zeugungsstoffe gleichermaßen als „Samen“ beschrieben, z.T. mit Unterscheidung der Qualität; sie wurden allerdings nicht als binär und gegensätzlich wahrgenommen, wie es heute oftmals geschieht.

Mit der Betonung performativer Akte erscheinen Deutungen als gesellschaftlich, allerdings bleiben Körper und Organe – vermeintlich vorhandene Materialität, die anfassbar sei – unangetastet. Auch mit Butlers Ausführungen bleiben in der öffentlichen – populären und wissenschaftlichen – Debatte „Gebärmutter“, „Vagina“, „Klitoris“, „Eierstock“, „Penis“, „Hodensack“, „Hoden“ Bezeichnungen für scheinbar sichere, tatsächlich vorhandene Organe, die zur gut begründeten Einteilung von Menschen in „Frauen“ und „Männer“ bei wenigen „Abweichungen“ herangezogen werden könnten. Die derzeitige gesellschaftliche Deutungsweise von körperlichen Merkmalen als binär-geschlechtliche erscheint als selbstverständliche, die sich beim Lesen der „natürlichen Vorgegebenheiten“ aufdränge.

Dieser Beitrag soll einige kritische Gedanken anstoßen, wie ein anderes Verständnis von „biologischem Geschlecht“ generiert werden kann. Wichtiger Ausgangspunkt für solche Betrachtungen kann entwicklungsgeschichtliches Denken sein. Die Betrachtungsweise, dass es sich bei der Ausbildung eines „Genitaltraktes“, wie auch bei der Entwicklung eines ganzen Individuums, um Entwicklungsprozesse handelt, bringt es mit sich, dass viele Faktoren und insbesondere ihre Wechselbeziehungen in den Blick gelangen. Ein solcher Fokus auf Entwicklung kehrt sich bezüglich der Ausbildung des „Genitaltraktes“ von dem verbreiteten Denken ab, dass ein „Gen“ oder wenige „Gene“ die Ausbildung weitreichend bestimmten, dass durch die Chromosomen- und Gen-Konstitution in der befruchteten Eizelle die Ausbildungsrichtung in entweder eine „weibliche“ oder eine „männliche“ Richtung vorbestimmt – präformiert – sei.

Dieses Denken, dass Vorbestimmung – Präformation – zentral setzt, hat traditionsreiche Höhepunkte. Solche Höhepunkte waren die Präformationstheorien des 17. Jahrhunderts, in denen davon ausgegangen wurde, dass entweder im „weiblichen Ei“ (so argumentierten die „Ovisten“) oder im „männlichen Samen“ (so führten es die „Animalkulisten“ aus) das Individuum bereits vollständig vorgebildet sei. Dieses Individuum in Miniatur sitze in Ei oder Samen und müsse lediglich an Größe zunehmen. Diese Betrachtungen waren beeinflusst durch Vorannahmen eines christlichen Schöpfungsaktes, in denen davon ausgegangen wurde, dass ein „Gott“ in wenigen Tagen alles geschaffen habe, was existiere und was in Zukunft noch existieren werde.

Miniaturindividuen wie beim Matrjoschkamodell

In diesen Präformationstheorien wurde teilweise dargestellt, dass entweder im Samen Adams oder im Ei Evas alle (!) folgenden Generationen an Menschen bereits als Miniaturindividuen vorhanden gewesen seien, dass – ähnlich einem Matrjoschkamodell mit vielen Millionen Schalen – die Generationen ineinander geschachtelt vorgelegen hätten. So absurd uns die präformistische Ausführung in dieser Form heute erscheinen mag, so ähnlich sind – wenn auch in etwas anderer Fassung – die Behauptungen der modernen Genetik. Es wird behauptet, dass im Extremfall ein „Gen“ oder ein Netzwerk mehrerer „Gene“ „Informationen“ enthalten würde; sie müssten lediglich zur Ausprägung gelangen. In aktuellen biologischen Theorien der Ausbildung des „Genitaltraktes“ sind gerade Chromosomen und „Gene“ zentral. Einige miteinander interagierende „Gene“ würden bewirken, dass sich entweder „Hoden“ oder „Eierstöcke“ ausbilden würden, die dann die weitere Entwicklung bestimmten.

Einem solchen Denken entgegen stehen Entwicklungsgedanken. Sie wurden im 18. Jahrhundert bedeutsam und zeigten sich als breite gesellschaftliche Bewegung. Mit der Englischen Revolution sowie später und deutlicher mit der Französischen Revolution zeigte sich, dass eine Gesellschaftsordnung nicht vorgegeben, „Gott“-gewollt ist, sondern dass sie durch vernunftgeleitete Menschen selbst gestaltet werden kann. In der Philosophie wurden nun auch monistische Denkweisen zentral diskutiert und dualistische Denkweisen blieben nicht mehr weitgehend unwidersprochen. Geologisch wurde postuliert, dass die Erde über einen sehr langen Zeitraum durch Abkühlung entstanden sei – und nicht vor wenigen tausend Jahren von einem Schöpfergott geschaffen wurde.

Schließlich wurden in der Biologie Möglichkeiten der Übergänge zwischen Arten und der Neuentstehung von Arten beschrieben. Es handelte sich also um eine breite gesellschaftliche Bewegung, die sich auch in Beschreibungen der Ausbildung von neu entstehenden Individuen zeigte. Für diese Betrachtungen war die Epigenese die zentrale Theorie. In ihr wurde nicht mehr davon ausgegangen, dass ein einfaches Größenwachstum eines Individuums ausgehend von einem Miniatur-Zustand ausreichend sei, vielmehr wurden Entwicklung und Differenzierung betont. Zunächst liege ungeformte Materie vor, aus der durch Entwicklungs- und Differenzierungsprozesse zunehmend Komplexität entstehe, schließlich geformte Materie und der Organismus resultiere. Auch der Organismus wurde als zeitlebens in Entwicklung befindlich beschrieben.

Ein Denken von Entwicklung, eine Betonung von Entwicklungsprozessen geht ab von wenigen kleinen vorbestimmenden Einheiten. Vielmehr wird es notwendig, den gesamten Organismus und dessen Wechselwirkungen mit der Umwelt zu betrachten. Das bedeutet, dass aus der Perspektive heutiger biologischer Wissenschaft die Kommunikation zwischen verschiedenen Bestandteilen der Zelle, die Kommunikation zwischen verschiedenen Zellen, deren Einbindung in den Organismus und die Einflussfaktoren aus der Umgebung im Blick sein müssen. „Gene“, DNA sagen eben nicht die Entwicklung eines Organismus bzw. hier eines „Genitaltraktes“ voraus. Vielmehr stellen sie lediglich einen Faktor im komplexen Zusammenspiel von Faktoren der Zelle dar.

Zunächst muss eine DNA-Sequenz in eine RNA-Sequenz übertragen werden. Dieser Prozess wird als Transkription bezeichnet: An seiner spezifischen Einleitung und Umsetzung sind zahlreiche zelluläre Faktoren beteiligt. Es entsteht ein so genanntes „Primär-Transkript“, das verschiedenen chemischen Modifikationen unterzogen wird. Auch bei diesen handelt es sich um komplexe Prozesse mit zahlreichen beteiligten zellulären Faktoren. Schließlich muss das entstandene Transkript aus dem Zellkern ins Zellplasma transportiert werden, in dem weitere Prozessierungen stattfinden können – aber nicht „müssen“. Das Transkript kann auch einfach abgebaut werden. Wird es nicht abgebaut, so kann die Translation stattfinden – wiederum ein komplexer Prozess mit zahlreichen beteiligten zellulären Faktoren –, an deren Ende eine Aminosäuresequenz vorliegt. Aber auch diese ist in den allermeisten Fällen noch kein Produkt, das in der Zelle (von diesen Prozessen unabhängige) Funktionen übernimmt. Vielmehr werden spezifische Faltungen angelegt, werden chemische Gruppen angelagert, abgespalten oder modifiziert, können ganze Teile der Aminosäuresequenz abgespalten bzw. herausgelöst werden.

Entwicklungstheorien weisen in individuelle Richtungen

Betrachtungen, dass dieses oder jenes „Gen“ bereits diese oder jene Wirkung habe, tragen den komplexen Prozessen bei der Ausbildung eines in der Zelle wirksamen Produkts keine Rechnung. Insbesondere die Blickrichtung ist falsch: Nicht das „Gen“ (die DNA) enthält Informationen, sondern die Zelle und die in dieser ablaufenden Prozesse „sagen“, aus welcher DNA Information gebildet wird. Sie „sagen“ auch, welche Information aus einer DNA-Sequenz gebildet wird. So entstehen aus einer DNA-Sequenz oft unterschiedliche Produkte auf Protein-Ebene.

Schauen wir uns nur den letzten beschriebenen Prozess an, so können schon dort aus einer Aminosäuresequenz durch Faltungen, Umorganisationen chemischer Gruppen und/oder Abspaltungen von Teilen der Aminosäuresequenz zahlreiche unterschiedliche Produkte resultieren, die eine unterschiedliche Lokalisation, Aktivität und Reaktivität in der Zelle aufweisen. Ein allseits bekanntes Beispiel ist das Insulin – es erhält erst seine aktive Form, die u.a. den Blutzuckerspiegel senkt, wenn Bereiche der Aminosäuresequenz herausgelöst werden. Dabei soll es nicht darum gehen, nun „die Prozesse“ als vorstrukturierende Einheiten vorauszusetzen – ganz im Gegenteil: An ihnen sind viele Faktoren beteiligt, sie liegen in keinem stets gleichen, statischen Raum vor, vielmehr sind diese Prozesse zu jedem Zeitpunkt offen für Einflüsse verschiedenster Art.

Die Konsequenz dieses Denkens ist, dass die Entwicklung eines Individuums und die Entwicklung eines „Genitaltraktes“ nur individuell erfolgen kann. Viele beteiligte Faktoren, einwirkende Einflüsse, beispielsweise aus dem mütterlichen Organismus und aus der übrigen Umgebung, machen dies deutlich, da sich diese Faktoren und Einflüsse bei jedem Individuum unterschiedlich darstellen werden. Das bedeutet, dass sich auch der „Genitaltrakt“ individuell ausbilden muss – und im Vergleich mehrerer Individuen stets zwischen diesen verschieden. Mit solchen Betrachtungen kann eine weitere Grundlage gelegt werden, binäre Geschlechtereinteilungen zu erschüttern, da sie den vermeintlich sicheren Rest angehen, dass es organisch doch „weiblich“ oder „männlich“ gäbe. Organisch gibt es sie nicht – Entwicklungstheorien weisen in individuelle, vielgeschlechtliche Richtungen.

Heinz-Jürgen Voß

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13 Antworten auf “Geschlecht: alles biologisch? Auch aus biologischer Sicht gibt es mehr als zwei Geschlechter”


  1. 1 Christian 18. Mai 2010 um 11:22 Uhr

    Zunächst vielen Dank für das freundliche Angebot mit ein Buch zuzusenden, ich werde darauf gerne noch zurückkommen.

    Zu der Zusammenfassung:
    Nach dieser These haben wir dann auch nicht eine Leber oder einen Bauch, sondern unzählige individuelle Lebern und Bäuche, weil da ja die gleichen Gene etc greifen oder?

    Dann kann zB Morbus Wilson eine neue Sorte Leber bewirken, so wie complete androgen insensitivity ein neues Geschlecht bewirkt?

    Der Anteil der Intersexuellen liegt ja zwischen 0.018% – 1,7%, bei den anderen Menschen werden die Genitalien und sonstige Geschlechtsmerkmale hingegen zwar innerhalb bestimmter Spannen, aber klar erkennbar herausgebildet.

    Der Grund für die Herausbildung der Geschlechter ist so wie ich das sehe in der Biologie noch nicht umunstritten. Momentan scheint mir die „Red Queen“ Theorie die überzeugendste zu sein.

    Wie würden sich noch mehr Geschlechter eigentlich darin einordnen?
    Zumal das Fortpflanzungsverhältnis bei den „zusätzlichen Geschlechtern“ ja noch verschlechtert, da viele nicht fortpflanzungsfähig sind und damit die Theorie, dass dadurch das Wettrüsten zwischen Parasit und Wirt wie in der Red Queen Theorie dargelegt nicht mehr klappt.

    Bei den Theorien, warum sich Sex lohnt wird viel mit mathematischen Modellen gerechnet, die Überprüfen, wie sich die Nachteile, dass man zwei Wesen braucht statt nur eins um sich fortzupflanzen (im Gegensatz zu einer ungeschlechtlichen Fortpflanzung) auswirken. Gibt es solche mathematischen Modelle auch für die „Mehr-Geschlechter-Theorie?“

    Die meisten Intersexuellen werden durch bekannte Gendefekte hervorgerufen:
    Ich verwende die Auflistung bei Fausto-Sterling (allerdings aus dem Netz kopiert, nicht aus dem Buch abgeschrieben).
    (a) late-onset congenital adrenal hyperplasia (LOCAH), 1.5/100; (b) Klinefelter (XXY), 0.0922/100; (c) other non-XX, non-XY, excluding Turner and Klinefelter, 0.0639/100; (d) Turner syndrome (XO), 0.0369/100; (e) vaginal agenesis, 0.0169/100; (f) classic congenital adrenal hyperplasia, 0.00779/10; (g) complete androgen insensitivity, 0.0076/100; (h) true hermaphrodites, 0.0012/100; (i) idiopathic, 0.0009/100; and (j) partial androgen insensitivity, 0.00076/100.

    Wenn es biologisch mehrere Geschlechter gibt, dann müssten diese Abweichnungen ja keine Fehler (in biologischer, nicht in menschlicher Hinsicht), sondern Varianten sein, also ihr Vorhandensein durch Evolution gefördert worden sein. Wie würde sich dies, insbesondere bei den sterilen wie zB Klinefelter zu erklären sein?

  2. 2 Administrator 18. Mai 2010 um 12:45 Uhr

    Hey Christian,

    lieben Dank für Deine Ausführungen. Es freut mich auch, dass Du die Artikel von Fausto-Sterling gelesen hast!!

    Dir scheint Evolution sehr bedeutsam zu sein. Mir auch, da gerade in dieser die Bedeutung von ENTWICKLUNG und DIFFERENZIERUNG betont wird. Aber warum sollten wir dann – aus lauter Angst – bei der Ausbildung von Geweben und Organen bei dem Gegenmodell der Evolution landen, nämlich dass alles bereits vorbestimmt und unabänderlich vorgegeben sei?

    Theorien der Neuentstehung von Organen, Arten gehen in ihrer historischen Ausarbeitung damit einher, dass sich Organismen aus zunächst indifferenter, ungeformter Materie ENTWICKELN und DIFFERENZIEREN – die so genannte Epigenese. Und die besagt selbstverständlich auch für Leber, Herz etc. dass es sich um einen OFFENEN ENTWICKLUNGSPROZESS handelt, der zu jedem Zeitpunkt offen für äußere Einflüsse (der Zelle, des sich entwickelnden Organismus, der mütterlichen Plazenta, der übrigen Umgebung) ist. Der Unterschied ist, dass es sich bei Leber und Herz um lebenswichtige Organe handelt, bei Bestandteilen des Genitaltraktes ist dies i.d.R. nicht der Fall.

    Mit Evelyn Fox Keller finde ich gerade die Frage spannend, wie Stabilität und Variabilität von Merkmalen, zu stande kommen. Es scheinen auch unterschiedliche Entwicklungswege zuweilen zu ähnlichen Merkmalen zu gelangen, dennoch selbstverständlich individuell verschieden. Bei der Ausbildung des Genitaltraktes scheint die Variabilität noch größer zu sein, womöglich weil er gerade nicht zu den lebenswichtigen Bestandteilen gehört. So gibt es auf allen bisher untersuchten Ebenen – Chromosome, Gene, Keimdrüsen, Hormone, äußere und innere Genitalien – eine große Spanne von sich darstellenden Ausprägungsformen. So ist der Genitaltrakt beim Menschen organisch lediglich mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 70% (alle Zahlen kann man bisher nur schätzen, weil die wenigsten Menschen diesbezüglich in „den Blick der Medizin“ gelangen – was gut ist, bei den Verbrechen die „Medizin“ Intersexuellen antut) in einem fortpflanzungsfähigen Zustand; der Willen von Menschen (der leider viel zu wenig in Biologie und Medizin einbezogen wird) ist in der Zahl noch nicht berücksichtigt.

    Aber warum sollte Fortpflanzungsfähigkeit so zentral sein? Die Biologie betrachtet sie nicht als zentral. So heißt es in zahlreichen Artikeln, nachdem ausgeführt wurde, dass es sich um „typisch weibliche“ oder „typisch männliche“ Individuen (meist Mäuse) handele, dass die Individuen unfruchtbar seien. „Typisch weiblich“ und „typisch männlich“ muss also anderes heißen. Und evolutionär ist es fraglich, ob die gevagte These dass es bedeutsam ist wer sich fortpflanze, überhaupt haltbar ist. Du und ich (wie auch zu jedem anderen Menschen) unterscheiden uns in etwa 30 von 30000 ‚Genen‘ – also selbst wenn man mit dem unbedingten Glauben an ‚Gene‘ Betrachtungen der Vorgegebenheit und Unabänderlichkeit (Präformation anstatt Entwicklung/Differenzierung) zentral setzen will, stellt sich die Frage, warum es mir wichtig sein sollte, mich fortzupflanzen, wo Du und meine Wohnungsnachbarin sich doch nur in wenigen ‚Genen‘ von mir unterscheiden…

    Egal welcher Auffassung Du bist, vielleicht lohnt sich tatsächlich die Lektüre des Buches. Auch würde ich mich über Deine Anmerkungen und Deine kritischen Gegenthesen freuen.

  3. 3 Christian 18. Mai 2010 um 14:16 Uhr

    Kurz vorab:
    Wie soll eine Evolution ohne Fortpflanzung passieren. Ohne diese bleibt alles gleich, Mutationen enden in einer evolutionären Sackgasse. Wie sollen sich also biologisch andere Geschlechter entwickelt haben, wenn nicht nur Evolution und Fortpflanzung?

    Richard Dawkins hat das in „Das egoistische Gen“ dargelegt. Alles was wir an Nachfahren an Bauplänen weitergeben muss über die Schiene der Fortpflanzung laufen. Denn an die nächste Generation geben wir nur die Gene weiter, die bereits bei Geburt in den Eltern steckten, zzgl ein paar Mutationen.

    Zum Rest später mehr

  4. 4 Administrator 18. Mai 2010 um 14:43 Uhr

    …da warte ich mal auf mehr, denn so einfach hast Du es mit mir nicht: ich habe Fortpflanzung nicht geleugnet.

    Wenn Du so einfach „Das egistische Gen“ anführen willst, was mir eine zu simple Betrachtung ist, dann setze ich ebenso plump „Das kooperative Gen“ daneben – auch dieses Buch hat ein paar bedenkenswerte und strittige Punkte, es setzt Evolution zentral und kritisiert von diesem Standpunkt aus einige Theorien des Darwinismus.

    Aber: Wann kommen wir in der Biologie einfach mal wieder zu fachlicher Aushandlung, anstatt alles mögliche was wir nicht erklären können in der Art eines religiösen GLAUBEN in Gene (oder physikalisch gar noch kleinere Einheiten) zu stecken? Was ist damit erklärt? …wie sich ein komplexes Organ, ein komplexer Organismus entwickelt zumindest NICHT…

  5. 5 Fadir 16. Juni 2010 um 19:36 Uhr

    Männer wirken auf mich derzeit wie Frauen mehr

  6. 6 Christian 22. Juni 2010 um 19:17 Uhr

    der angesprochene Entwicklungsprozess verläuft vergleichsweise langsam und kann die Anzahl Transsexueller nicht erklären. Insofern verstehe ich nicht genau, worauf dein Argument in Hinblick auf die Anzahl der Geschlechter (welche Fälle zählst du eigentlich zu diesen weiteren Geschlechtern?) abzielt.

    Natürlich kann und wird sich unser Herz entwickeln. Beim einzelnen Menschen ist es aber gegenwärtig nahezu identisch. Der von dir angenommene Vorgang würde aber, wenn er eine Breite hätte, die neue Geschlechter zufällig entstehen läßt, zu wesentlich mehr Herzkrankheiten oder zumindest unterschiedlichen Herzen führen. Das ist aber gerade nicht der Fall. Warum soll dieser Mechanismus bei dem Geschlecht greifen und nicht bei dem Herzen?

    Die verschiedenen Darstellungsformen sind sicherlich vorhanden, die Abweichungen aber eher gering. Jedenfalls bleiben sie weit hinter den Abweichungen bei Transsexualität zurück.

    Die Abweichungen bei der Transsexualität lassen sich wesentlich logischer mit verschiedenen Genkrankheiten und Hormonstörungen erklären und sind diesen ja größtenteils auch zugewiesen.

    Wenn du die Theorien aus dem „kooperativen Gen“ vertreten willst, dann wäre das immerhin eine Postion. Sie würde deine Meinung allerdings gleichzeitig aus Sicht der Biologie zu einer der weniger vertretenen Meinungen machen, gegen die man die Argumente des „kooperativen Gens“ anführen könnte. Berufst du dich denn nun zur Begründung auf diese Theorie?

    Natürlich lässt sich anhand der Gene erklären, wie sich ein komplexes Organ entwickelt. Das legt die Evolutionsbiologie ja dar. Es wird eher schwieriger, wenn man Unsicherheitsfaktoren wie eine freie Umsetzung von Bauplänen in der Zelle als Theorie in den Ring wirft. Denn die Zelle kann ja nicht denken, die Auswahl wäre damit zufällig, was sich üblicherweise katastrophal auswirken muss. Da ist eine Detailgetreue Umsetzung eines Bauplans der Gene wesentlich sicherer.

    Nach dem „kooperativen Gen“ sind neue Arten entstanden, weil Lebewesen (bzw. weil ihre Zellen) kreative, zu einem Zuwachs an Komplexität führende Umbauschübe im eigenen Erbgut veranstalten können. Diese Umbauschübe erklären aber lediglich Veränderungen der Arten und nicht eine Mehrzahl von Geschlechtern. Wie soll denn nach deiner Vorstellung das „kooperative Gen“ zu mehreren Geschlechtern führen? Durch rasante, immer wieder verwendete Umbauschübe die größtenteils zu unfruchtbaren Wesen führen?

    Ich habe übrigens in meinem Blog auch endlich mal auf deine Kommentare geantwortet

  7. 7 bigmouth 22. Juni 2010 um 20:17 Uhr

    „Der von dir angenommene Vorgang würde aber, wenn er eine Breite hätte, die neue Geschlechter zufällig entstehen läßt, zu wesentlich mehr Herzkrankheiten oder zumindest unterschiedlichen Herzen führen.“

    in einem Kommentar zu einem der anderen beiträge hier hat herr voß wohl etwas in der richtung gemeint, dass wir unsere genitalien ja nicht zum überleben brauchen – auch völlig nichtfunktionale beeinträchtigen uns wenig, ausser bei fortpflanzung. beim herz dagegen dürften die meisten abweichungen frühzeitig lethal sein – schon im mutterleib. dh heißt allgemein: die phänotypisch vorhandene variationsbreite von merkmalen fällt vielleicht je größer aus, desto weniger zentral für das leben des organismus die sind

  8. 8 Administrator 23. Juni 2010 um 8:05 Uhr

    Lieber Christian,

    Du bist doch Anhänger von Evolutionstheorien. Mich wundert, dass Du diese vertreten kannst und dann nicht einmal die kurze Übertragung zur phylogenetischen grundregel schaffst. Entwicklung und Differenzierung findet auch bei der Ausbildung von Organismen – einzelnen Individuen – statt. Das ist in der Biologie derzeit eine allgemeine Annahme, die Du nicht zu teilen scheinst. Warum? Also: Warum setzt Du bei der Individualentwicklung eines Organismus – hier des Menschen – kleine Götter ein, die den Organismus nur noch über die Entwicklung informieren würden? Ich meine Gene, die gerade bei der Geschlechtsentwicklung in der Biologie sehr simplifizierend gedacht werden – bei der Ausbildung anderer Organe sind Biolog_innen da differenzierter.

    Selbstverständlich ist auch das Herz nicht durch gedachte Götter (Gene) vorgegeben. Sondern es entwickelt und differenziert sich. „Wir“ haben aber auch nicht alle „das gleiche Herz“, wie Du andeutest, selbstverständlich sind auch Herzen unterschiedlich. Die Ausprägungsformen sind nur begrenzter, weil es sich beim Herzen – im Gegensatz zu den Genitalien – um ein lebensnotwendiges Organ handelt.

    Wir haben ja schon drüber gesprochen und ich möchte nochmal darauf verweisen. Ich weiß nicht, warum Du Dich vor der Lektüre meines Buches sperrst. Da kannst Du sehr sehr viel über Geschlechtsdetermination nachlesen, gerade auch über „Gene“. Es findet sich mittlerweile in so ziemlich jeder Universitätsbibliothek.

  9. 9 Christian 23. Juni 2010 um 9:33 Uhr

    Ich sperre mich gar nicht gegen die Lektüre. Demnächst habe ich Fausto-Sterling durch, dann steht Butler auf dem Leseplan und dann werde ich gerne auf das Buch zurückkommen.

    Vielleicht klärt es sich nach dem Lesen des Buches mehr auf. Momentan sehe ich noch Differenzen zwischen deiner Theorie, dass der Bauplan nicht über die Gene bereit gestellt wird, sondern dieser anscheinend mehr oder weniger frei durch die Zellen interpretiert und verändert werden kann. Keine Probleme hätte ich damit, dass bestimmte Faktoren beim Auslesen Umweltbedingt ausfallen oder das es hier zu Fehlern kommen kann. Auch das es gewisse Prinzipien gibt um Gene neu durchzumixen und schadhaften Veränderungen vorzubeugen leuchtet mir ein. Aber schon diese Prinzipien machen deutlich, dass auf dem Level der Säugetiere alles daran getan wird um die Mutationsdichte und die Unvorhergesehenheit möglichst gering zu halten. Ich sehe nicht, wie deine Theorie da hineinpasst. Beim Herzen gehst du anscheinend davon aus, das da die Gene keine Spielräume erlauben, weil es überlebensnotwendig ist. Aus Sicht der Gene sind die Geschlechtsorgane fast noch wichtiger. Funktionieren sie nicht, dann landen die Gene in einer Sackgasse. Alle Menschen (abgesehen von dem kleinen Zeitraum moderner Fortpflanzungsmedizin) sind daher aus Menschen entstanden, deren Gene dafür gesorgt haben, dass ihre Geschlechtsorgane funktionieren. Der sicherste Weg hierzu ist aus Sicht der Gene einen Mann oder eine Frau zu erzeugen. Das klappt auch abgesehen von der prozentual sehr geringen Anzahl an Intersexuellen.
    Warum sollten die Gene, wenn der Mechanismus beim Herz kontrolliert werden kann diesen Mechanismus nicht auch bei den ebenso wichtigen Fortpflanzungsorganen wählen? Ich meine, dass eine stimmige Theorie darauf eine Antwort finden muss.
    (da wäre allerdings noch die Frage, wieviele Menschen eigentlich prozentual einen angeborenen Herzfehler haben und deswegen früh sterben oder sterben würden ohne moderne Medizin. ist die Zahl so viel niedriger als die Zahl der Intersexuellen?

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