Archiv für November 2008

Veranstaltung, 20.11., Leipzig: Kein Geschlecht oder viele – warum es biologisch „Frau“ und „Mann“ nicht gibt.

INPUT UND DISKUSSION

Kein Geschlecht oder viele –
warum es biologisch „Frau“ und „Mann“ nicht gibt.
Heinz-Jürgen Voß, Dipl.-Biologin

Die erste Frage nach der Geburt, die wir uns stellen und die immer wieder gestellt wird, lautet: ‚Ist es ein Junge oder ein Mädchen?‘ Können die Eltern darauf keine Antwort geben, so herrscht betretenes Schweigen, wird das Thema gewechselt, nehmen wir ‚Ab-normalität‘ war. Das Kind beginnt erst so richtig in unserer Gesellschaft zu existieren, wenn es mit einem von zwei Geschlechtern aufwarten kann – ein Zustand, nach dem Justiz, Medizin und ‚gesellschaftliche Moral‘ trachten. Ganz selbstverständlich nehmen wir auch für uns in Anspruch, Menschen nach dem Geschlecht unterscheiden zu können. Wir erkennen sie an Kleidung, beruflicher Qualifikation (der Chef ist niemals eine Frau), seltener durch einen Blick auf die kulturell so aufgeladenen Genitalien. Bart, übrige Körperbehaarung, Hüfte, Brustumfang sind da schon legitimer als deutlich zugewiesene Merkmale, nach denen wir gelernt haben, einen Menschen nach ‚Mann‘ und ‚Frau‘ sicher einzuordnen.

Gerade diese als ‚biologisch‘, ‚durch Anlage bedingt‘, ‚unabänderlich‘ betrachteten Merkmale werden herangezogen, um das kulturelle, normative, diskriminierende Zweigeschlechtersystem als ‚natürlich‘ zu erklären. Gleichberechtigung von Menschen in der Gesellschaft wird unter Berufung auf ‚natürliche binäre Differenzen‘ verwehrt. Menschen werden auf Grund ihres Geschlechts diskriminiert. Von jedem Menschen wird eine eindeutige geschlechtliche Zuordnung zu einem von zwei Geschlechtern gefordert. Aber: Was ist ‚natürlich‘ an Geschlecht? Gibt es biologisch nur zwei Geschlechter? In diesem Input und Diskussion wird der Ausarbeitung von ‚biologischem Geschlecht‘ in den sich konstituierenden ‚modernen biologisch-medizinischen Wissenschaften‘ und der gesellschaftlichen Einbindung dieser biologisch-medizinischen Annahmen nachgegangen.

Donnerstag, 20. November 2008 Beginn: 18 Uhr.
Ort: Frauenkultur Leipzig
Eintritt: frei

Rezension: Lucht et. al.: Recodierungen des Wissens.

Lucht_Recodierungen

    Petra Lucht, Tanja Paulitz (Hrsg.):
    Recodierungen des Wissens.
    Stand und Perspektiven der Geschlechterforschung in Naturwissenschaften und Technik.
    Campus Verlag, Frankfurt/Main, 2008.
    ISBN 978-3593386010

    Nach mehreren Jahrzehnten intensiven Forschens zur Vergeschlechtlichung von Technik(entwicklung und -nutzung) und von Naturwissenschaften sind Bestandsaufnahmen unerlässlich, um Perspektiven und Handlungsnotwendigkeiten auszuloten. Mit diesem Band werden sehr gute Artikel zu Spezialgebieten vorgelegt, die einen Einstieg in eine geschlechtersensible Technik- und Naturwissenschaftskritik ermöglichen und die gleichzeitig wegbereitend für zukünftige Forschungsprojekte in Einzeldisziplinen sind. Allerdings zielt der Untertitel am Inhalt des Bandes vorbei, da eine Bestandsaufnahme (im Sinne einer Überblicksbewertung) nicht erfolgt.

    U.a. darin:
    Palm, Kerstin: Das Geschäft der Pflanze ist dem Weib übertragen … die Pflanze selbst hat aber kein Leben – Zur vergeschlechtlichten Stufenordnung des Lebens im ausgehenden 18. Jahrhundert. S.197-211.

    Mauss, Bärbel: Ursprung und Geschlecht – Paradoxien in der Konzeption von Geschlecht in Erzählungen der Molekularbiologie. S.213-229.

    Zur Rezension:
    http://querelles-net.de/2008-26/text26voss_lucht.shtml

Rezension: Groneberg et al.: „Intersex“: Geschlechtsanpassung zum Wohl des Kindes?

Groneberg_intersex

    Michael Groneberg, Kathrin Zehnder (Hrsg.):
    „Intersex“: Geschlechtsanpassung zum Wohl des Kindes? Erfahrungen und Analysen.
    Fribourg: Academic Press Fribourg 2008.
    ISBN 978-3-7278-1506-5

    Wissenschaftler/-innen aus unterschiedlichen Fachdisziplinen und mit unterschiedlichen Ansichten zum Umgang mit intersexuellen Menschen kommen zu Wort – in diesem Sinne ist der Sammelband sehr heterogen. Es werden Erfahrungen mit Geschlechtsanpassung dargestellt, Begrifflichkeiten analysiert und Probleme bei der Therapie und in der Forschung erörtert. Vorangestellt, aber erfreulicherweise nicht abgetrennt, äußern sich Betroffene. Bereits wegen der sich im Abschluss des Bandes befindlichen Handlungsempfehlungen zur Behandlung von Säuglingen und Kindern mit ‚abweichenden‘ bzw. ‚uneindeutigen‘ Geschlechtsmerkmalen, die sich insbesondere an Eltern, Mediziner/-innen und Sozialpädagog/-innen wenden, ist das Buch unbedingt empfehlenswert.

    Die Rezension findet sich hier:
    http://querelles-net.de/2008-26/text26voss_groneberg.shtml